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„Ich will Licht ins Dunkel bringen“

Hintergrundgespräch mit dem Historiker Jan Tomasz Gross am 16.11.2017 im DJV Berlin über Anti-semitismus in Polen

Von Gudrun Küsel

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten drei Millionen Juden in Polen, heute sind es einige Tausend. Die Ursachen kennen wir: sie wurden ermordet und deportiert. Seit 1968 gab es Auswanderungswellen. Doch anders als in Deutschland gibt es in Polen keine Erinnerungskultur dafür. Das müsse sich ändern, fordert der Historiker und Soziologe Jan Tomasz Gross. Auf Einladung des DJV und des 2015 in Polen gegründeten „Komitees zur Verteidigung der Demokratie“ stellte Gross, der seit 2003 an der Princeton University in New Jersey lehrt, in den Räumen unserer Geschäftsstelle seine Thesen dazu vor. Gross Schriften lösten in seinem Heimatland Polen starke Debatten aus. Sein auch hierzulande viel beachtetes Buch „Nachbarn“ (2001) beschreibt detailgenau das Massaker, das im Sommer 1941 die Einwohner der ostpolnischen Stadt Jedwabne an 1600 Juden verübten. Wehrmacht und SS sahen ruhig zu. Jan Tomasz Gross: „Die Vorstellung, dass die Verfolgung der Juden auch von Polen ausging, ist ein komplettes Tabu-Thema. Die meisten Polen wissen nichts mit dem Holocaust anzufangen. Sie sehen nur sich selbst als Opfer. Das ist unglaublich.“

Während der Diskussion des Historikers im DJV mit dem Publikum kamen Details des Massakers zur Sprache. „Alle Zusammengetriebenen mussten sich ihre eigenen Gräber graben und dabei auf Befehl singen und tanzen.  … Am Abend wurden 300 Juden in einen Stall getrieben. Um die Scheune herum gossen die Polen Benzin aus und zündeten sie dann an.“ Auch in anderen Orten gab es Pogrome von Polen, wie zum Beispiel am 7. Juli 1946 (!) in Kielce, bei dem 40 Juden starben. Die wenigen Polen, die nach dem Einmarsch der Wehrmacht Juden halfen, haben dies später aus Scham eher verschwiegen. Gross: „Ich will Licht ins Dunkel bringen.“ Er hofft, dass es in Polen bald Museen, Gedenkstätten und -tafeln geben wird, ähnlich wie in Deutschland. Auf die Frage einer Journalistin, ob sich der polnische Antisemitismus auch aus dem „Antizionismus“ ableite, so wie derzeit in Westeuropa, antwortet er: “Es geht in Polen nur um die Vergangenheit.“

Im Jahr 1996 wurde Gross der Verdienstorden der Republik Polen verliehen. Vor einem Jahr forderten rechte Kräfte, ihm den Orden abzuerkennen. Und dann, zum Schluss, erzählt der 70-Jährige eine Episode, die ihn tief berührt hat. Ende der 90er Jahre hatte der damalige Innenpolitiker Wolfgang Schäuble dafür gesorgt, dass auch polnische Juden nicht-deutscher Abstammung nach Deutschland auswandern durften. Später bedankte sich Gross bei Schäuble dafür. Der deutsche Politiker antwortete ihm: „Nein, Sie müssen sich nicht bedanken, sondern ich bin es, der Ihnen zu Dank verpflichtet ist. Denn für mich als Deutschen ist es eine Ehre, dass Juden wieder bei uns leben möchten. Dafür danke ich.“                                              

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