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Reichelt, Döpfner und Ippen:

Mit Bild im Fahrstuhl nach unten

22.10.2021

Diese Woche hatte es in sich. Da wird Bild-Chef Julian Reichelt entlassen, Verleger Dirk Ippen bremst sein eigenes Investigativ-Team aus, und ein BDZV-Mitglied fordert den Rücktritt von Mathias Döpfner als Präsident seines Verbandes.

 

Über Julian Reichelt ist wohl alles gesagt. Bedeutend interessanter ist die Rolle der beiden Verleger in dieser Geschichte, die auch gut fürs Trashfernsehen taugen würde. Döpfner und Ippen sind schließlich keine kleinen Krauter, sondern repräsentieren die oberste Etage der deutschen Medienbranche: Döpfner als CEO und Großaktionär von Axel Springer. Und Ippen als Regionalzeitungskönig, Platz 4 im deutschen Zeitungsmarkt.

 

Die neuen Vorwürfe in Sachen Reichelt hatte das Investigativteam von Ippen recherchiert, das vor allem aus Kolleginnen und Kollegen Buzzfeed besteht. Dessen deutsche Ausgabe war vor einem Jahr von Ippen übernommen worden - was für dessen Ambitionen spricht, inhaltlich und qualitativ im deutschen Blätterwald mitzumischen. Schließlich gehört auch die Frankfurter Rundschau seit längerem zu Ippen. Doch die Reichelt-Recherche wurde Ippen zu heiß, was auch etwas über Abhängigkeiten auf dem deutschen Zeitungsmarkt aussagt. Ippens Druckereien haben in den letzten Jahren viele Aufträge von Springer verloren, seine Münchner Boulevardzeitung tz steht im erbitterten Wettbewerb mit Springers Bild. Also killte Ippen die Geschichte, die am vergangenen Wochenende in seinen Titeln erscheinen sollte, kurz vor Veröffentlichung.

 

Dass die Ippen-Gruppe mit milder Verdrehung der wahren Gegebenheiten offiziell verkündete, man müsse als Mediengruppe, die im direkten Wettbewerb mit Bild stehe, sehr genau darauf achten, dass nicht der Eindruck entstehe, man wolle einem Wettbewerber wirtschaftlich schaden, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Weiter hieß es: „Daher ist die Entscheidung gefallen, jeden Eindruck zu vermeiden, wir könnten Teil eines Versuchs sein, einen solchen wirtschaftlichen Schaden anzurichten. Damit war das Thema einer Erstveröffentlichung dieser Recherchen vom Tisch.“

 

Man beachte das Wörtchen „Erstveröffentlichung“: Die fand dann im Laufe des Montags via Spiegel statt. Das Investigativ-Team hatte ohnehin mutig reagiert und Ippen in einem offenen Brief scharf für seinen Ukas kritisiert. Die FR berichtete ausführlich. Beweis für redaktionelle Unabhängigkeit und Integrität. Mittlerweile räumt die Ippen-Gruppe ein, dass der Veröffentlichungsstopp von ganz oben ein Fehler war und will weitere Recherche-Ergebnisse publizieren.

 

Ganz anders die Lage bei Springer: Da hält Döpfner demonstrativ zu Reichelt und raunt in einer Video-Botschaft an die Belegschaft von finsteren Machenschaften.

 

Das Ganze sei organisiert von „Männern, das waren allesamt ehemalige Mitarbeiter von Bild, und deren Motive waren sehr klar: Es ging darum, Reichelt wegzubekommen“, so Döpfner:

 

„Dabei wurde ein sehr drohender, teilweise fast erpresserischer Ton angeschlagen“. Das ist ein Schlag ins Gesicht der mutigen Frauen, die Reichelts Verhalten öffentlich gemacht haben. Denn Döpfner insinuiert förmlich, diese seien von internen Gegnern des Bild-Chefs instrumentalisiert worden.

 

Ganz anders die Lage bei Springer: Da hält Döpfner demonstrativ zu Reichelt und raunt in einer Video-Botschaft an die Belegschaft von finsteren Machenschaften. Das Ganze sei organisiert von „Männern, das waren allesamt ehemalige Mitarbeiter von Bild, und deren Motive waren sehr klar: Es ging darum, Reichelt wegzubekommen“, so Döpfner: „Dabei wurde ein sehr drohender, teilweise fast erpresserischer Ton angeschlagen“. Das ist ein Schlag ins Gesicht der mutigen Frauen, die Reichelts Verhalten öffentlich gemacht haben. Denn Döpfner insinuiert förmlich, diese seien von internen Gegnern des Bild-Chefs instrumentalisiert worden.

 

Anstatt Verantwortung zu übernehmen, suhlt sich Döpfner lieber in Selbstmitleid, weil eine private SMS publiziert wurde, in der Döpfner über Reichelt schreibt: „Er ist halt wirklich der letzte und einzige Journalist in Deutschland, der noch mutig gegen den neuen DDR-Obrigkeitsstaat aufbegehrt“. Döpfner sieht sich als Opfer. Eine SMS sei schließlich privat. Ob sie das in der Bild-Redaktion auch wissen, dass die Veröffentlichung privater Nachrichten eine „Grenzüberschreitung“ ist, wie Döpfner reklamiert?

 

Weil Döpfner auch noch simste, fast alle anderen Journalisten seien zu „Propaganda-Assistenten“ geworden, haben sich mittlerweile Mediengruppen wie Madsack und Funke von ihm distanziert. Und Carsten Lohmann, Verlagschef des „Mindener Tageblatt“, hat gestern als erster den Rücktritt Döpfners als Präsident des Verlegerverbandes gefordert.

 

Steffen Grimberg

 

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