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Journalismus in Zeiten von Corona

19.03.2021

Kritische Diskussion statt „Alternativlosigkeit“

Corona gibt keine Ruhe und ist für uns gleich in doppelter Hinsicht eine Herausforderung. Einmal die ganz normale, menschliche Seite, die jede und jeden von uns betrifft: Statt erhoffter Erleichterungen grüßt zu Ostern der nächste Lockdown. In Sachen möglicher Ferienreisen besticht die Politik durch Kakophonie, und während alle Epidemiologen vor dem normalen Osterurlaub warnen, macht Malle (Inzidenz 20, aber steigend) wieder auf - der Schwarzwald und Rügen sollen dagegen zu bleiben.

 

Diese Widersprüche müssen wir Journalistinnen und Journalisten für unsere Nutzerinnen und Nutzer berichten, analysieren, hinterfragen. Das ist die zweite Herausforderung. Mit Beginn der Corona-Krise betraten auch die Medien Neuland. Schnell stellte sich Kritik ein: Vor allem im Umgang mit den Maßnahmen der Politik wurde vielen Medien in den ersten Monaten der Pandemie ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Wir hätten zu direkt die Krisenkommunikation der Politik übernommen. Maßnahmen wie die Einschränkung vieler Grundrechte seien zu wenig kritisch analysiert und hinterfragt worden. Ich muss sagen: Ja, da war etwas dran.

 

Der Journalismus ist auch in der Pandemie nicht dazu da, Sprachrohr von irgendjemandem zu sein. Weder der Regierung noch der Virologen oder auch nur der Wissenschaft im weiten Sinne. Krisenkommunikation gehört nicht einfach weiter transportiert, sondern kritisch hinterfragt. Wer sich dabei stattdessen hinter der billigen Ausrede versteckt, man müsse doch Orientierung bieten, stärkt nicht gerade unsere Glaubwürdigkeit.

 

Das Unbehagen vieler schlägt sich schon heute in Umfragen nieder. Nein, es sind nicht alles „Querdenker“, die da ihre Kritik zu Protokoll geben. Der Tagesspiegel-Kommentator Malte Lehming schrieb unlängst, es gehe in der Coronakrise „um Leben und Tod“. Da sei es doch „Ausdruck einer Wertegemeinschaft“, wenn „das Gros der deutschen Journalisten moralisch ähnlich empfindet wie das Gros der Parlamentarier“. Doch diese Sicht geht meiner Meinung nach fehl: Journalismus setzt Haltung voraus, aber immer auch Distanz. Journalismus bedeutet, jegliche Einschränkung bürgerlicher Rechte auf das Kritischste zu hinterfragen und eben nicht als bedauerlicherweise jetzt nicht anders möglich hinzunehmen.

 

Nicht die Freiheit muss sich rechtfertigen, sondern deren Beschränkungen sind zu begründen. Ein Satz, den Juristen im ersten Semester lernen. Heribert Prantl, der große Kommentator der Süddeutschen Zeitung, sagt, jetzt stelle man „in der Pandemie fest, dass dieser Satz auf einmal gar nicht mehr so geachtet wird“. Beschränkungen der Grundrechte müssen immer daraufhin geprüft werden, ob sie geeignet, erforderlich und verhältnismäßig sind.

 

Damit es kein Missverständnis gibt: Ich rede hier nicht von „Querdenkern“, Pandemie-Leugnern und -Abschwächern des Worts. Auch nicht von der AfD oder Wirtschaftsverbänden, die mit ihren Partikularinteressen Lockerungen für den einen oder anderen Bereich fordern. Vielmehr wünsche ich mir einen Journalismus, der in einem Jahr Pandemie genug gelernt hat, um nicht einfach das Mantra offizieller Stellen von der „Alternativlosigkeit“ nachzubeten. Insofern hat die aktuelle Situation bei aller Kompliziertheit auch etwas Gutes: Sie zeigt, dass es eben doch immer Alternativen gibt.

 

Steffen Grimberg

 

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