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Neue TV-Diversitätsstudie:

Der Fortschritt ist eine Schnecke

08.10.2021

Von echter Vielfalt, der aktuell vieldiskutierten „Diversität“, sind wir in den Medien noch meilenweit entfernt. Das zeigt die Studie „Sichtbarkeit und Vielfalt: Fortschrittsstudie zur audiovisuellen Diversität“ der MaLisa-Stiftung, die diese Woche in Berlin vorgestellt wurde.

 

Vor fünf Jahren hatte die von der Schauspielerin Maria Furtwängler und ihrer Tochter Elisabeth gegründete Stiftung zum ersten Mal nachzählen lassen, wie es um das Verhältnis der Geschlechter im deutschen Film und Fernsehen bestellt ist. Das ernüchternde Fazit heute: Geändert hat sich wenig, immer noch kommt eine TV-Frau auf zwei TV-Männer. Und das gilt zumeist vor wie hinter der Kamera. Das ist ein Armutszeugnis.

 

Bei der Präsentation der ersten Studie im Sommer 2017 gelobten alle Besserung – von der ARD-Vorsitzenden und dem ZDF-Intendanten bis zu großen Privatsender-Gruppen. Mehr Frauen und vor allem mehr diverse Protagonist/innen sollten auf den Bildschirm, in die Redaktionen und als Drehbuchautorinnen, Regisseurinnen usw. an die Film- und Fernseh-Werkbänke. Im journalistischen Bereich ging es vor allem um Expertinnen. Denn hier waren die Abstände besonders groß. Gerade einmal ein knappes Viertel Expertinnen standen über drei Viertel männlichen Experten gegenüber. Und heute? Sind es gerade mal 26 Prozent Expertinnen.

 

Das kann nun wirklich nicht als großer Fortschritt verkauft werden. Bei fiktionalen Produktionen, also Filmen und Serien, sieht es mit jetzt 47 Prozent Protagonistinnen etwas besser aus.

 

Das Team vom Institut für Medienforschung der Universität Rostock hat mit seiner Leiterin Prof. Dr. Elisabeth Prommer aber nicht nur die reine Geschlechterverteilung untersucht. Erstmals ging es auch um die Diversitätsmerkmale Behinderung, sexuelle Orientierung, Migrationshintergrund und ethnische Herkunft. Die Ergebnisse sind so erwartbar wie niederschmetternd. In den fiktionalen TV-Produktionen sind nur rund 2 Prozent der Protagonist:innen als homosexuell oder bisexuell lesbar. Zum Vergleich: Laut der repräsentativer Studie „LGBT+ PRIDE 2021 GLOBAL SURVEY” bezeichnen sich in Deutschland rund 11 Prozent der Bevölkerung als „nicht heterosexuell“. Menschen mit Migrationshintergrund machen im Fernsehen gerade einmal 11 Prozent aus - dabei hatten Im Jahr 2020 fast 22 Millionen Menschen und somit knapp 27 Prozent der Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund. People of Colour sind mit 5 Prozent sind in den TV-Programmen ebenfalls völlig unterrepräsentiert - ihr Anteil an der Bevölkerung ist mindestens doppelt so hoch. Menschen mit schwerer Behinderung sind im TV mit 0,4% kaum sichtbar.

 

Hier für das Fernsehen wissenschaftlich erhoben wurde, gilt in so ziemlich allen Redaktionen und in der Folge auch für ihren - unseren! - inhaltlichen Output. Bis wir hier wirklich von einigermaßener Diversität sprechen können, bleibt noch jede Menge zu tun.

 

Steffen Grimberg

 

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