Deutscher Journalisten-Verband Berlin JVBB

Neun Nominierungen für den „Langen Atem“ 2020/21

DJV BERLIN-JVBB VERLIEH ZUM 14. MAL PREIS FÜR BEHARRLICHEN JOURNALISMUS

Die Vorjury hatte folgende Kandidatinnen und Kandidaten nominiert:

  • Ernst-Ludwig von Aster: Szenegröße in Thüringen: Der Neonazi Tommy Frenck (DLF Kultur):
    • Es beginnt mit der Reportage über einen kleinen Ort, dessen einzige Kneipe von einem Neonazi gekauft wird. Über die Jahre wird daraus ein Lehrstück: Was passiert, wenn Nachbarn jahrelang wegschauen, statt sich gegen die Rechtsextremisten auf der anderen Straßenseite zu wehren? Unaufgeregt berichtet der Autor nicht nur über die Szenegröße Tommy Frenck und das von ihm veranstalteten Rechtsmusikfestival in Themar, sondern auch von der Wandlung des Ortes und dem zaghaft beginnenden Widerstand der Anwohner.
  • Andrea Backhaus: Der Krieg: Berichte über und aus Syrien (ZEIT ONLINE):
    • Seit dem Jahr 2011 herrscht Krieg in Syrien. Die Berichterstattung darüber ist längst abgeflaut. Nicht für Andrea Backhaus. Sie berichtet unermüdlich und hartnäckig. Sie reist nach Syrien und in den Irak, sieht zerstörte Städte, das Elend der Menschen in Flüchtlingslagern. Ihr enormes Fachwissen vermittelt sie in einem klaren journalistischen Stil. Seit Anfang dieses Jahres lebt sie als Korrespondentin in Beirut.
  • Johannes Böhme: Täter und Opfer in Uganda: Prozess am Internat. Gerichtshof (SZ-Magazin):
    • Der Autor ist drei Jahre lang immer wieder nach Den Haag gefahren, hat in Uganda die Familie und Wegbegleiter des Angeklagten getroffen, der selbst als Kind verschleppt und zum Kindersoldaten »ausgebildet« worden war. Der Autor versucht, den Täter zu verstehen, ohne seine Taten zu rechtfertigen. Er nimmt seine Leser*innen mit in den Gerichtsaal genauso wie in den Dschungel und klagt an, dass es immer noch zahlreiche Kinder gibt, die in afrikanischen Bürgerkriegen zu Mördern ausgebildet werden.
  • Gabriela Keller und Kai Schlieter: Fragwürdige Investoren auf dem Berliner Immobilienmarkt (Berliner Zeitung):
    • Der Berliner Immobilienmarkt gilt schon lange als »Hochrisikosektor« in Sachen Geldwäsche. Milliarden Euro werden hier gewaschen. Die Eigentumsverhältnisse sind schwer durchschaubar. Keller und Schlieter gehen den Verästelungen der Firmengeflechte nach und zeigen die Folgen für Mieter und Gewerbetreibende. Sie haben Absprachen und Deals des Berliner Senats mit zwielichtigen Investoren recherchiert und müssen sich deshalb langwierig mit deren Anwälten auseinandersetzen.
  • Sebastian Leber: Verschwörungstheorien und Reichsbürger (Tagesspiegel):
    • Die Welt wird von mächtigen Geheimbünden regiert, von Teufelsanbetern oder Echsenmenschen, die Kinder entführen und töten lassen. Leber hat Führungskader und Anhängerschaft von Verschwörungstheorien über Jahre immer wieder beschrieben. In beeindruckenden Texten erklärt er, wer diese Menschen sind – und warum man sie nicht ignorieren sollte. Er trifft die Verschwörungsmythologen und kommt mit ihnen ins Gespräch, schildert die Diskussion und auch Reaktionen der Szene auf seine Berichterstattung.
  • Viktoria Morasch: #metoo auf der Berlinale: Das DAU-Projekt (taz):
    • Auch wenige Monate können einen langen Atem erfordern. Als die Berlinale für 2020 Filme des umstrittenen »DAU«-Projekts ankündigte, ist es ihr mit investigativer Zähigkeit gelungen, dass sich am Projekt beteiligte Frauen über MachtmissbrauchsErfahrungen bei »DAU« äußerten, in gebotener Anonymität. Berichte und Details über Demütigungen und übergriffiges Verhalten hat Morasch präzise, redlich und dennoch mit sprachlicher Eleganz zusammengetragen. Als einziger Journalistin in Deutschland ist es ihr gelungen, den Mantel des Schweigens über »DAU« ein wenig zu lüften.
  • Markus Pohl, Ursel Sieber und Lisa Wandt: Profitdruck in Kinderkliniken (rbb):
    • In einer Reihe von Filmen erhellt das Team ein Thema, durch die Corona-Pandemie weiter an Relevanz gewonnen hat: die Finanzierung der Krankenhäuser. Weil hier alles kompliziert ist, bleibt die Unterversorgung der Kinderstationen mit Pflegekräften meist im Verborgenen. Das rbb-Team zeigt Ursachen und Folgen, nutzt dabei souverän die Mittel des Fernsehens – Emotionalisierung, Visualisierung und Verdichtung –, ohne einseitig anzuklagen oder sich auf leicht erzeugbare Skandalisierungs-Effekte zu verlassen. In der Differenziertheit liegt die Qualität dieser Arbeiten und auch die politische Wirkung, die sie bereits erzielt hat.
  • Jonathan Sachse und Hajo Seppelt: Schmerzmittelmissbrauch im Fußball (Correctiv/ARD-Dopingredaktion):
    • Der Film »Pillenkick« beleuchtet, mit welcher Selbstverständlichkeit sich Profis wie Amateure dopen. Das Rechercheteam fuhr der Fußballnationalmannschaft auf dem Fahrrad hinterher, organisierte eine große Umfrage unter Amateursportler*innen, führte rund 150 Interviews. Der Rechercheverbund bespielte dann alle denkbaren Kanäle neben der ARD. Mehr als 20 Lokalzeitungen kooperierten mit Correctiv. Nun wollen der DFB und andere Sportverbände den Umgang mit Schmerzmitteln neu regeln.
  • Sophia Wetzke: Todesfälle im Tempelhofer Künstlerstudio "Greenhouse" (rbb):
    • Der fünfteilige Podcast porträtiert eine Schattenseite der Berliner Kunstszene. Wessen Werke nicht in den großen Sammlungen hängen, kämpft mit finanziellen Zwängen, betäubt seine oder ihre Sorgen mit Drogen, schläft mangels Wohnung im Atelier. Einige entwickeln Psychosen. Schauplatz ist ein Tempelhofer Atelierhaus, in dem sich unnatürliche Todesfälle häufen. Was treibt solch kreative Menschen in Sucht und Selbstmord? Wetzkes junge Gesprächspartner scheinen dankbar, dass sich endlich jemand für ihre Perspektive interessiert. Dramaturgisch komponiert die Autorin ihre Langzeitbeobachtung zu eindringlichen Collagen.

Die Preisträger/innen wurden bei der Verleihung am 29. April 2021, um 18.00 Uhr im Studio von ALEX Berlin bekanntgegeben.

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