100 Kongressteilnehmer diskutieren über "Wert des Journalismus"

5. Februar 2012 I Tagung in Berlin

Braucht es im heutigen Journalismus noch reine Informationsvermittler? Und wie beeinflusst das Internet das Handwerk des Nachwuchses? Das sind nur zwei Fragen, über die 100 Teilnehmer auf dem DJV-Kongress „Wert des Journalismus“ in Berlin diskutierten.

Von Astrid Sonja Fischer

Zum Beruf des Journalisten scheinen zwei Bilder zu gehören: Der mittellose freie Idealist und der frustrierte festangestellte Redakteur. Beide leiden darunter, nicht den Journalismus betreiben zu können, den sie für richtig halten.

Als Ursachen gelten gestiegene Anforderungen, weniger Personal, sinkende Honorare und Gehälter. Allgemein sinkt das Interesse an Zeitungen und regelmäßige gründliche Leser werden zur seltenen Spezies. Das Internet lockt mit Alternativen zur journalistischen Berichterstattung und komfortabler Aufbereitung. Wie sich in diesem Umfeld journalistische Qualität dauerhaft etablieren kann, diskutierten rund 100 Teilnehmer aus ganz Deutschland auf dem DJV-Kongress „Wert des Journalismus“ am 2./3. Februar 2012 in Berlin.

Hans Leyendecker, Ressortleiter Investigative Recherche, Süddeutsche Zeitung, beobachtet zwar einen zunehmenden Trend zur Stilsicherheit der jungen Journalisten, der aber zu Lasten des Inhaltes gehe. Das Internet habe „copy paste“ leichter gemacht. In der Konsequenz forderte er von Zeitungen mehr Reflexion und Tiefenschärfe zu liefern anstatt als Regionalanzeiger zu fungieren. „Autorität kommt von Autor und Qualität von Qual,“ so sein Impuls zur Tagung.

„Qualität ist zwar nicht zum Nulltarif zu haben, aber auch nicht käuflich“, machte Michael Haller, emeritierter Journalismus-Professor der Universität Leipzig, deutlich. Journalisten sollten ihren Lesern vor allem Orientierung ermöglichen. Das gängige Rollenbild der 80er Jahre - der reine Informationsvermittler - habe ausgedient. „Berichterstattung ist keine Einbahnstraße. Heute müssen Journalisten in der Lage sein, die Sichtweise derjenigen einzunehmen, für die sie publizieren,“ beschreibt Haller die veränderten Anforderungen. Die breite Palette der Darstellungsmöglichkeiten sollte themengerecht genutzt werden. Dass Orientierung deutlich vor Unterhaltung kommt, davon ist Haller überzeugt. Insofern sei das Konzept durchaus lesernah. Die Umsetzung hängt maßgeblich von Strukturen ab: Um Orientierung und Werte vermitteln zu können, müssten sich Redaktionen als lernende Organisationen verstehen, die immer wieder bereit ist, nicht nur Themen sondern auch Arbeitsabläufe zu hinterfragen.

Für eine gründliche Recherche im Lokaljournalismus warb David Schraven, Leiter des Recherche- Ressort der WAZ- Mediengruppe in Essen. Journalisten sollten ihre Rechte nach dem Informationsfreiheitsgesetz (IFG) kennen und einfordern. Originaldokumente böten immer den unmittelbaren Zugang zu Fakten und aus einem gründlichen Aktenstudium lasse sich eine Vielzahl von Geschichten recherchieren. Aus seiner Erfahrung berichtete Schraven, dass in den wenigsten Fällen der Klageweg notwendig sei und er üblicherweise allein durch konsequentes Vorgehen an die gewünschten Unterlagen komme. Natürlich gehörten zu einer Geschichte nicht nur Fakten, sondern auch weiche Faktoren, die sich dann über persönliche Gespräche ergeben. Dass so eine mühsame Vorgehensweise nicht auf die Schnelle zu realisieren ist, ist für Schraven kein Problem. Solange er als einziger an der Geschichte arbeitet, hat er mit der Veröffentlichung Zeit, bis die Recherche abgeschlossen ist.

Den Internettrend des Datenjournalismus als neue Darstellungsform stellte Thomas Mrazek, freier Medienjournalist in München und Betreiber der Plattform Onlinejournalismus.de vor. So können aus Zahlenkolonnen sehr prägnante übersichtliche Grafiken werden. Durch die Animation seien ähnlich einem Planspiel unterschiedliche Fallabfragen möglich. Am Beispiel der Aufbereitung von Handydaten zeigte Mrazek wie ein Bewegungsprofil eines Handynutzers als Karte online dargestellt werden könne. Von der herkömmlichen statistischen Berichterstattung unterscheidet sich der Datenjournalismus in der Anzahl der zu Grunde gelegten Daten und der besonderen animierten Aufbereitung.