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Jetzt auch die ARD vor Ort in Kabul

Bundesregierung verzögert Evakuierungen

10.09.2021

Foto: Steffen Grimberg (privat)

Na bitte - geht doch! Die ARD hat seit dieser Woche wieder einen Korrespondenten in Kabul. Und schon die wenigen Tage beweisen, was für einen Unterschied es macht, tatsächlich „dabei“ und nah dran zu sein. Markus Spieker, Leiter des für Afghanistan zuständigen ARD-Studios in Neu Delhi, ist am Sonntag auf dem Landweg über Pakistan eingereist und hat selbst verblüfft davon berichtet, wie vergleichsweise einfach es war.

 

Die Taliban versuchen mit allen (Propaganda-)Mitteln, sich als gemäßigt und satisfaktionsfähig für die internationale Staatengemeinschaft zu präsentieren. Dass die Realität anders aussieht, macht Spieker in seinen Schalten eindrücklich klar. Auch das ist etwas, was sich auch mit noch so guten Kontakten und Informationen aus einem weit entfernten Studio kaum so plastisch darstellen lässt. Dass der Mann vom Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) dabei so gelassen und unaufgeregt auftritt, ist wohltuend. In seinem Twitter-Account redet Spieker dabei für alle, die es lesen wollen, Klartext: „Alle Demos verboten, die nicht offiziell erlaubt sind; kein Sport mehr für Frauen; Uni-Dozentinnen nach Hause geschickt; Bildungsminister (!) sagt, dass Bildung unwichtig ist und nur Frömmigkeit zählt: die neue Taliban-Regierung zeigt am ersten Tag, wo’s langgeht“ postete er gestern.

 

Bei allem Respekt vor den Aktionen von Paul Ronzheimer: Die Art und Weise, wie der stellvertretende Bild-Chefredakteur sich vor rund zwei Wochen am Kabuler Flughafen als einziger deutscher Korrespondent vor Ort inszenierte, hatte auch etwas von Effekthascherei. Das geht für eine Boulevardzeitung wie Bild in Ordnung, vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk dürfen wir zu Recht anderes erwarten.

 

Dass für die Anstalten die Sicherheit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an erster Stelle steht, versteht sich von selbst. So hat das ZDF noch niemanden wieder im Land, prüft nach einem Bericht des Tagesspiegel aber diverse Möglichkeiten. Das darf aber nicht dazu führen, die Risiken allein den einheimischen Kontaktpersonen und Stringern aufzubürden.

 

Wie mit diesen von den deutschen Behörden umgegangen wird, hat gerade der Stern publik gemacht. Da hat es ein afghanischer Mitarbeiter der Illustrierten zum Glück noch aus dem Land herausgeschafft, wurde dann aber gegen seinen Willen in die USA ausgeflogen, obwohl er schon in Deutschland war – auf der US-Luftwaffenbasis Ramstein. Man fasst sich nur noch an den Kopf. Laut Stern saß sein Mitarbeiter Rasool Sekandari knapp zwei Wochen lang mit seiner Familie dort fest. Sekandari hat Verwandte in Hessen, die alles für ihn vorbereitet hatten. „Ein Ministerium schob die Verantwortung auf das andere - obwohl die Familie die schriftliche Erlaubnis hatte, in Deutschland zu bleiben“, schreibt der Stern. "Nicht nur, dass die Bundesregierung keine Hilfe war, als es darum ging, unsere Leute aus Afghanistan zu holen. Auch als es endlich gelungen war, die gefährdeten Familien über verschiedene Luftbrücken anderer Regierungen und Organisationen aus dem Machtbereich der Taliban zu bringen, haben die deutschen Behörden versagt“, so Stern-Chefredakteurin Anna-Beeke Gretemeier. Das ist ein Armutszeugnis für Deutschland. Die müsste hier sofort handeln. Bislang aber ducken sich Innen- und Außenministerium gleichermaßen weg, wie engagierte Medien und NGOs täglich leidvoll erfahren.

 

Steffen Grimberg

 

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