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Berliner Mediensalon:

„Staatliche Einheit und mediale Teilung“

03.06.2021

Foto: meko factory

Nur wenige Autor*innen aus dem Osten schreiben in den überregionalen Blättern. Wie Auslandsberichte wirkten die Beiträge über ostdeutsche Regionen, auch noch 30 Jahre nach dem Ende der Teilung. „Schreiben die Medien die Teilung fest?“ war deshalb die Frage im jüngsten Berliner Mediensalon am 26. Mai.

 

Ausgangspunkt der Diskussion war die Untersuchung „30 Jahre staatliche Einheit – 30 Jahre mediale Teilung“ von Dr. Lutz Mükke, freier Journalist und Herausgeber der internationalen Journalismus-Zeitschrift MESSAGE, im Auftrag der Otto Brenner Stiftung. Resümee: Nur wenige „Edelfedern“ aus dem Osten kommen in den in Westdeutschland beheimateten deutschen Leitmedien zu Wort. Die Chefs in ostdeutschen Redaktionen stammen überwiegend aus dem Westen und Änderung ist nicht in Sicht, da auch bei den Journalistenschulen die ostdeutschen Bewerber*innen absolut in der Unterzahl sind. Über ostdeutsche Themen berichten viele Journalist*innen im Modus der Auslandsberichterstattung. Die Unzufriedenheit der Ostdeutschen mit den Medien prägt bereits die dritte Generation seit dem Ende der DDR. So lauten wesentliche Erkenntnisse von Mükkes Untersuchung, die der Moderator des Mediensalons, Johannes Altmeyer, Redakteur bei Business Insider Deutschland, „sehr ernüchternd“ nannte.

 

Mükke selbst berichtete, auch er sei überrascht gewesen, wie wenig sich die Situation in den vergangenen drei Jahrzehnten verändert habe, wie wenig sich Ostdeutsche in den Medien repräsentiert fühlten. Er empfiehlt für mehr Medienvertrauen deshalb unter anderem eine Quote für Ostdeutsche in den Redaktionen, besonders das ZDF habe hier Nachholbedarf. Die Diskussion über die Arbeit der Medien, was sie leisten können und was auch nicht, müsse im Osten breiter geführt werden, nicht nur in Expertenzirkeln und in den wenigen Großstädten, sondern vor allem im ländlichen Raum, der die ostdeutschen Länder überwiegend präge. Den Einwand, dass es auch im Westen „Provinz“ und weniger begünstigte Regionen gebe, ließ Mükke nicht gelten, da die Menschen in den westdeutschen provinziellen Regionen sich seiner Beobachtung nach trotzdem als Teil der Gesamtheit fühlten, die östlichen Bewohner ländlicher Gegenden aber oft nicht.

 

Andreas Oppermann, Redaktionsleiter im Studio Frankfurt des rbb Rundfunk Berlin Brandenburg und stellvertretender Vorsitzender DJV Berlin–JVBB, kam 1995 aus dem Westen als Volontär zur Lausitzer Rundschau. Er habe sich dort beworben, weil es in den Ostblättern keine Vereinsberichterstattung gab, die hatten die Verleger gestrichen. Kehrseite einer solchen Verlagspolitik sei aber, dass lokale Aktivitäten und individuelles Engagement in den Blättern nicht vorkommen. Es sei eine „Institutionenberichterstattung“ gemacht worden, die den Alltag nicht abgebildet und dadurch Distanz produziert habe.

 

Renate Gensch, Mitglied im dju-Bundesvorstand und Landesvorsitzende der dju in Berlin-Brandenburg, ist kurz nach der Grenzöffnung als Journalistin nach Halle und Magdeburg gegangen und hat erlebt, wie westdeutsche Verlage dort den Zeitungsmarkt übernommen haben. Dabei hätten sie die Arrondierungspolitik zu Monopolzeitungen in den Landkreisen, die sie im Westen bereits begonnen hatten, fortgesetzt und ihre Sparpolitik ausgeweitet. Als Betriebsrätin der Berliner Zeitung und damit Mitglied im Konzernbetriebsrat von Gruner+Jahr habe sie damals schon die Kolleg*innen gewarnt, dass die ostdeutschen Verlagsentwicklungen der Tariflosigkeit, Zerstückelung von Betriebseinheiten zur Schwächung der Mitbestimmung nur Vorreiter seien für die künftige Verlagspolitik im Westen. Im Osten sind nach ihrer Meinung mehrere Trends zusammengekommen: ein verändertes Leseverhalten, Misstrauen gegenüber den früheren staatlich gelenkten Blättern, Sparpolitik aus dem Westen und wenig gewerkschaftliches Engagement in den Zeitungsbetrieben sowie wenig zivilgesellschaftliches Interesse insgesamt.

 

Zudem habe es eine große Abwanderung der „Beweglicheren“ gegeben, vor allem der jungen Frauen, erinnerte Oppermann, die Gesellschaft sei „maskulinisiert“ worden. Das habe Auswirkungen darauf, wie und ob gesellschaftlicher Diskurs stattfinde.

 

Dass es so wenige Interessent*innen am Journalismus als Beruf gebe, dass auch der rbb laut Oppermann immer noch Schwierigkeiten habe, junge Leute aus dem eigenen Sendegebiet außerhalb Berlins für die Ausbildung zu finden, dafür sieht er zwei Gründe. Zum einen seien Traditionsstränge abgerissen: Familien ohne Zeitungsabos erzögen selten Zeitungsleser*innen. Journalist*innen, deren Karrieren nach der Wende abbrachen, seien keine guten Vorbilder für die Berufswahl. Zu anderen strebten die jungen Absolvent*innen eher in PR-Agenturen, die oft die „sichereren“ Arbeitsplätze böten. Nach einem Volontariat, stimmte Gensch bei, gebe es selten eine Festanstellung, und wenn, dann eher in der Provinz, wohin viele ebenso wenig wollten wie sich als Freie durchzuschlagen.

 

Den medienpädagogisch wichtigen Einsatz von Journalist*innen in den Schulen hatten Gensch und Altmeyer angesprochen, doch Mükke verwies darauf, dass dies allein nicht reiche. Die erwachsenen Wähler der Populisten müssten angesprochen werden. Oppermann wandte ein, dass auch hier Traditionen wirksam seien, die Milieus der heutigen AfD-Wähler seien „noch nie demokratisch“ gewesen, auch nicht nach der Wende. Gensch verwies darauf, dass diese Wähler*innen, die den Westen ablehnten, selbst Politikern anhingen wie Björn Höcke, Alexander Gauland oder Andreas Kalbitz, die aus dem Westen gekommen sind. Auf der anderen Seite werden einflussreiche Ostdeutsche wie Kanzlerin Angela Merkel oder Bundespräsident Joachim Gauck nicht als Stimmen des Ostens wahrgenommen - eine Auffälligkeit, die auch Mükke nicht erklären konnte.

 

Können Medien im Bundestagswahlkampf eine Brücke sein zwischen Ost und West, fragte Altmeyer zum Schluss? Oppermann setzt darauf, als Medien in Ostdeutschland dort besonders wichtige Themen wie eine drohende Altersarmut offensiver als Teil der Bundespolitik anzusprechen und die Kandidat*innen eindringlich dazu zu befragen nach dem Motto „Wir müssen unseren Job richtig gut machen.“

 

Constanze Sievers

 

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#Mediensalon ist eine Kooperation von Deutscher Journalistenverband DJV Berlin – JVBB e.V., Deutscher Journalistinnen- und Journalisten-Union dju in ver.di und #mekolab, unterstützt von Landau Media, der Otto Brenner Stiftung und der taz kantine.

 

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