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25. Juni 2020

Kompetenzteam Hauptstadt-Medienfrauen

Online-Diskussion

Gleichberechtigung adé? Die Arbeit von Journalistinnen in Zeiten der Pandemie

Corona hat nicht nur den Alltag in unseren Redaktionen gründlich verändert, die Pandemie hat auch gezeigt, wie es um die Chancen für Frauen in der Medienbranche steht. Unter dem Titel "Gleichberechtigung adé?" diskutierten auf Einladung des DJV Berlin-JVBB beim Netzwerktreffen der Hauptstadt-Medienfrauen Mareice Kaiser (Chefredakteurin Edition F, Initiatorin des Hashtags #CoronaEltern) und Kathrin Gotthold (Textchefin Finanztip), moderiert von Susanne Stephan (Focus Magazin), mit 25 Journalistinnen und PR-Fachfrauen online über die Folgen des Lockdowns.  

Susanne Stephan/Mareice Kaiser/Kathrin Gotthold (Screenshot: Susanne Stephan)

Sowohl Kaiser als auch Gotthold haben Kinder zu betreuen und berichteten von der Herausforderung, die Arbeit im Homeoffice, Kinderbetreuung bzw. Homeschooling unter einen Hut zu bekommen. "Nach zwei Wochen war ich am Ende", konstatierte Mareice Kaiser, auch Kathrin Gotthold konnte dem erzwungenen Multitasking wenig abgewinnen: "Gefühlt haben wir zu wenig gearbeitet, tatsächlich deutlich mehr Stunden als sonst" - und ständig blieb das Gefühl, sich nicht genug um den Nachwuchs zu kümmern. 

Das sogenannte Corona-Elterngeld war für Journalistinnen mit Kindern in der Praxis keine Option, da es nicht ausgezahlt wurde, sofern die Frauen zumindest theoretisch auch zu Hause neben der Kinderbetreuung recherchieren und texten konnten. Mareice Kaiser sieht  die Corona-Sonderzuwendung an Eltern ohnehin in erster Linie als  "Symbolpolitik", die eine Retraditionalisierung der Rollenbilder im Zuge von Corona kaum aufhalten könne. "Wenn Journalistinnen diese Hilfen annehmen, verlieren sie nicht ihre Wohnungen oder Jobs, aber sie verlieren Präsenz." Sie selbst trat die neue Funktion als Chefredakteurin zu Beginn des Lockdowns an. "Ich hätte mir schwer vorstellen können, meinem Team mitzuteilen, dass ich nicht mehr arbeiten kann." 

Daten des DIW Berlin und der Universität Bielefeld, die Zeit Online zitiert, legen den optimistischen Schluss nahe, der Lockdown habe, da er auch Väter ins Home Office zwang, die Gleichberechtigung vorangetrieben - eine These, der die diskutierenden Kolleginnen wenig abgewinnen konnten. Kaiser zitierte eine Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung, wonach Frauen signifikant öfter als Männer Corona-bedingt ihre Arbeitszeit reduziert hätten. Gotthold steuerte Beobachtungen aus dem persönlichen Umfeld bei: "Da gibt es vier oder fünf Fälle, in denen Corona-Elterngeld beantragt wurde, aber ausschließlich von Frauen." 

Uneinigkeit herrschte über die Frage, ob das mobile Arbeiten die berufliche Teilhabe von Journalistinnen eher fördert oder bremst. Corona hat das Homeoffice auch in Redaktionen ermöglicht, in denen es früher undenkbar war. Aber tun sich Frauen wirklich einen Gefallen, wenn sie auch künftig die Redaktionsräume meiden und am heimischen Schreibtisch arbeiten? Berufliche Netzwerke werden immer noch vorwiegend analog, also beim Mittagessen mit den Entscheidern geknüpft, argumentierte Mareice Kaiser. Kathrin Gotthold sieht es anders: Persönliche Kontakte zu Kollegen und Netzwerke ließen sich nach ihrer beruflichen Erfahrung auch gut per Telefon oder Mail pflegen, sagte sie. 

Die erneuten Corona-Ausbrüche in einzelnen Landkreisen legen die Frage nahe, ob ein besseres Krisenmanagement den von der Soziologin Jutta Allmendinger konstatierten "Rückfall auf eine Rollenteilung wie zu Zeiten unserer Großeltern" verhindern könnte. Zwischen den Bedürfnissen der Besucher von Fitnessstudios oder Gaststätten und den Bedürfnissen von Kindern und Eltern habe bei der Verhängung von Corona-Vorschriften keine Abwägung stattgefunden, kritisierte Kathrin Gotthold. Die "Horrorvorstellung" der Finanztip-Journalistin ist es, dass dank des klaglosen Engagements der Betroffenen in der Öffentlichkeit der Eindruck entstehe, erneute Lockdowns ohne angemessene Lösungen für Kitas und Schulen seien möglich  - wenn es sein müsse, eben auf Kosten der Frauen.

Text: Susanne Stephan