„Wir müssen dafür sorgen, dass …“

9. September 2019


von Gudrun Küsel

Wir Journalisten sind objektiv, unabhängig, unbestechlich, neutral, stets auf dem neuesten Stand … Wie? Da behauptet jemand, so ist es gar nicht? Protest! Und dieser „Jemand“ – das sind die aktuelle wissenschaftliche Forschung und die Kollegen auf den Stühlen nebenan? Die Diskussion in den Geschäftsräumen des DJV Berlin am 21. August über „Mainstreamjournalismus – und täglich grüßt das Murmeltier“ machte klar: Das Bild des „kritischen, gut informierten Journalisten“ hat Risse bekommen. Wie tief sind sie? Sind wir zu zaghaft? Haben Angst vor Veränderungen? Passen wir uns zu sehr an – und wenn ja, woran?

Gibt es überhaupt einen „Mainstreamjournalismus“ fragte einleitend Diskussionsleiter Oliver Heilwagen vom Kompetenzteam Medienpolitik des DJV Berlin. Und zitiert Frank-Walter Steinmeier aus dem Jahr 2014: „Der Meinungskorridor war schon mal breiter.“ Die einhellige Antwort aller Diskutanten: Mainstreamjournalismus ist in den deutschen Medien heute sogar vorherrschend.

Medienrechtler Prof. Dr. Marc Liesching von der Uni Leipzig hielt dazu einen einleitenden Vortrag. Es gebe einen „Nachrichten-Wertfaktor“, erläuterte er, d. h. Medien bevorzugen einfache, möglichst sensationelle Nachrichten und solche, in denen reale Personen eine Rolle spielen. Für abseitige Themen bestünden oft keine Recherchemöglichkeiten oder keine Zeit. Es komme oft zur „Klon-Berichterstattung“. Über den „Fall Strache“ etwa habe es 87 fast identische Berichte, Meinungen und Deutungen gegeben. Auch Falschmeldungen werden geklont. Ein Beispiel: „Justiz erlaubt Verkauf von Merkel-Galgen“.

Journalisten erzählen einmal begonnene Themen-Geschichten gerne immer weiter, fand Prof. Liesching außerdem in seinen wissenschaftlichen Studien heraus. Und sie folgen gern Eliten-Debatten. Sie fragen oft nicht: Was ist wirklich wichtig? Stattdessen berichten sie ausführlich über Nebensächlichkeiten, wie z. B. einen Handschlag bei bestimmten öffentlichen Auftritten. Manchmal sei den Journalisten auch die Pflege ihrer Netzwerke wichtiger als die fundiert-kritische Berichterstattung – man wolle ja schließlich weiter Interviews kriegen. Ein Problem sei auch die „links-liberalen Sozialisierung“ der meisten Journalisten. Es fehle die Vielfalt. Insgesamt habe sich, so Liesching, der politisch-journalistische Diskurs verändert. Journalisten und Politiker benutzen dieselben Floskeln. Eine davon – gern benutzt und gern in den Medien zitiert – ist die „Fünf-Worte-Regel“. Der Journalist stellt eine Frage zu einem aktuellen Problem und der Politiker antwortet: „Wir müssen dafür sorgen, dass …“. Eine Wischi-waschi-Zielangabe anstelle einer konkreten Handlungsstrategie. Hallo? Wann haben wir selbst so etwas zuletzt zitiert?

Vielleicht beim letzten Bericht über den Nahen Osten? Diese Region, so der Politik-Redakteur des „Tagesspiegel“, Dr. Christian Böhme, werde immer nur auf den Konflikt Israel-Palästinenser reduziert. Dabei: „Die Israelis selbst interessieren sich gar nicht so dafür. Aber dass Tel-Aviv gerade Radfahrerstadt wird – das finden die Leute vor Ort richtig spannend.“ Grundsätzlich, so Böhme, müsse er den empirisch belegten Ausführungen seines Vorredners zustimmen. Leider. Es sei für eine Tageszeitung schwer, Varianz in die Berichterstattung hineinzubringen. Zeitdruck, wenig Korrespondenten im Ausland, Orientierung an den Leitmedien wie „Spiegel online“ oder „Bild.de“ – all das seien die Gründe.

Einen zunehmenden „Gesinnungs-Journalismus“ in Richtung „links-grün“ beobachtet Andreas Lombard, Inhaber des Landt-Verlages und Chefredakteur des vor zwei Jahren geründeten Magazins „Cato“. Das Magazin, Ableger der rechtsorientierten Zeitung „Junge Freiheit“, möchte konservativen Intellektuellen eine Heimat bieten. Es gelte, einen Gegenpol zu schaffen, denn „alles in der gegenwärtigen Berichterstattung“ gehe in die falsche Richtung. Zu wichtigen Fragen wie Migration oder „überbordender Sozialpolitik“ müsse es Gegenstimmen geben. „Wir füllen Leerstellen.“ Und sei es nur in einer Nischenfunktion.

Als „Nischenprogramm“ sieht auch der Redaktionsleiter von „Hyperbole TV“, Jörg Schipmann, seine vier Video-Kanäle an. Allerdings ganz anders verortet. Nämlich bei den unter 30-Jährigen. TV und Print kämen bei jungen Leuten nicht mehr vor, meint er. „Ich selbst habe auch keinen Fernseher.“ Seine Sendungen seien auf soziale Netzwerke zugeschnitten. Backchannel über Messenger-Dienste – das sei heute gefragt. „Die User wollen das Gefühl kriegen: Ich kann direkt mit dem Journalisten in Kontakt treten und bekomme sofort eine Antwort.“ Das müsse deshalb nicht niedrigschwellig sein. Manchmal hätten seine Sendungen zwei bis drei Millionen Klicks. Die Abonnentenzahl läge bei mehreren Hunderttausend. Welche Inhalte werden da herübergebracht? Auch Politik? Schipmann räumt ein: „Politische Inhalte sind schwerer zu vermitteln als Hundebilder. Aber es geht. Unsere erfolgreichsten Themen sind: Cannabis und Grundeinkommen.“

Sind diese Erfolge ein Schlag für die herkömmlichen Medien? Was kann man tun? Korrespondenten in Netzwerken schreiben lassen oder andere Meinungen mit in die Zeitung mit hineinnehmen? Prof. Liesching lobt das neue Background-Format des „Tagespiegel“. Die ausführlichen Beiträge gäben „Raum für Tiefe“. Und selbstkritisch räumt YouTuber Schipmann ein: „Die User bekommen nur Beiträge, die der eigenen Meinung entsprechen.“ Als positiv bewerteten fast alle Diskutanten und auch das Publikum die zahlreichen Satire-Sendungen im Fernsehen. „Heute-Show“ und Dieter Nuhr seien informativ und meinungsbeeinflussend. Doch gute Berichterstattung können sie nicht ersetzen.

Zum Abschluss hatte Diskussionsleiter Oliver Heilwagen dann ein kleines Trostpflaster parat: Zur Zeit der Weimarer Republik, dem angeblichen Presse-Paradies, gab es ganze fünf Agenturen, bei denen sich die Zeitungen bedienten. Das habe eine neue Untersuchung gezeigt. Man las damals ganz einfach seine Parteizeitung.

 

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