„Warum gehen die Leute so etwas auf den Leim?“ - Antisemitismus in Polen 1968 und heute

9. April 2018

von Gudrun Küsel

Antisemitismus ist wieder aktuell. Medienberichte belegen das. Im Nachbarland Polen weit mehr als in Deutschland. Am 23. November 2017 demonstrierten zehntausende Ultrarechte in Warschau, unter anderem für ein „judenfreies Polen“. Seit Inkrafttreten des Holocaust-Gesetzes am 1. März dieses Jahres verbreiten soziale Medien vermehrt antisemitische Hasskommentare. Einen Höhepunkt hatte der Antisemitismus in Polen im März 1968 anlässlich von Studentenprotesten.
Wie es dazu kam, erläuterte der Soziologe Dr. David Kowalski. Drei Zeitzeugen erzählten von ihren Erlebnissen, Hoffnungen und Enttäuschungen: die Eltern des Referenten, der Kernphysiker Henryk Kowalski und seine Frau Danka, Grafikerin und Malerin, sowie die Journalistin und Übersetzerin Katarzyna Weintraub. Alle drei kommen aus polnisch-jüdischen Familien. Sie verließen nach 1968 aus Angst ihr Heimatland. Insgesamt emigrierten oder flohen damals 15 000 von damals 30 000 in Polen lebenden Juden in den Westen, weil sie ihren Job und ihre Lebensgrundlage verloren. Es war die zweite große Auswanderungswelle nach dem Holocaust der Nazis.
Die massenhaften studentischen Proteste Ende der 60er-Jahre richteten sich, so David Kowalski, nicht gegen den Sozialismus, sondern man war enttäuscht darüber, dass die von Władysław Gomułka (Parteichef der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei) 1956 eingeleitete Liberalisierung wieder rückgängig gemacht worden war. Die Demonstranten forderten demokratische Rechte: Pressefreiheit, Gewaltenteilung, Meinungsfreiheit. Ihre friedlichen Versammlungen wurden brutal aufgelöst. „Wir befanden uns in einem geschlossenen Hof“, erzählt die Zeitzeugin Danka Kowalski. “Mit Bussen kamen die Schläger angefahren. Es waren Arbeiter, die dafür Prämien bekamen. Offiziell hieß es: ein spontaner Aufbruch. Aber sie waren im Schlagen geübt …“. Um sich die Akzeptanz der Bevölkerung zu sichern, nutzte die Parteiführung aus, dass unter den Protestierenden jüdische Intellektuelle waren. Ein Jahr zuvor, nach dem Sechs-Tage-Krieg, hatten alle Ostblockstaaten, außer Rumänien, die sogenannte israelische Aggression verurteilt. In der Presse war zu lesen, dass die polnischen Studenten von zionistischen Agenten infiltriert worden seien, um die Gesellschaft zu destabilisieren. Die Partei organisierte über 10.000 „antizionistische“ Versammlungen. Proteste dagegen gab es kaum. Der Antisemitismus, so Kowalski, war und ist in Polen allgegenwärtig. Durch die Säuberungen in der Partei und anderen Institutionen habe es außerdem enorme Aufstiegschancen gegeben. „Man nannte uns Aufwiegler“, erzählt Danka Kowalski, „es gab sogar eine Liste von Aufwieglern. Tausende von Arbeitern demonstrierten gegen Studenten und Zionismus, und die Leute auf der Straße wiederholten die Propagandasprache. Warum gehen die Leute so etwas auf den Leim? Ich schäme mich.“

In jeder Gesellschaft gebe es „Gruppen der Erinnerung“, sagt dazu die Publizistin und studierte Anthropologin Katarzyna Weintraub. In Polen seien dies Deutsche, Russen und Juden. „Die instrumentalisiert man je nach Sachlage und politischem Kalkül. Bei Deutschen und Russen veränderte sich die Zuordnung mit der Zeit, aber bei den Juden ist sie konstant geblieben. Juden sind verantwortlich für alles, was böse ist.“ Dabei seien die jüdische Frage und der Zionismus in ihren Familien nie ein großes Thema gewesen, betonen alle drei Zeitzeugen. Auch Henryk Kowalski, der lange in Deutschland, der Schweiz und den USA lebte, arbeitete und lehrte: „Wir sind Polen. Bis heute. Wir hängen an Polen. Heimat ist eben einfach da.“


Das Gespräch fand im Rahmen der Zusammenarbeit des DJV Berlin mit dem Komitee zur Verteidigung der Demokratie (Berlin) am 01. März 2018 in der Geschäftsstelle des DJV Berlin statt.

Wer mehr über die Ereignisse von 1968 in Polen wissen möchte, dem sei das gut recherchierte und informative Buch von Dr. David Kowalski empfohlen.
David Kowalski: Polens letzte Juden. Herkunft und Dissidenz um 1968. 1. Aufl. 2018. (ca. im Mai). ISBN 978-3-525-37068-1. Vandenhoeck & Ruprecht. Ca. 45 €. PDF eBook 37,99


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