Princeton-Historiker Jan Tomasz Gross im DJV Berlin: Polen muss seine jüngste Geschichte gründlicher aufarbeiten

22. November 2017


von Egbert Steinke

Der polnisch-amerikanische Historiker Jan Tomasz Gross sieht bei der jüngeren polnischen Generation große Wissenslücken, was das interne Verhältnis zur jüdisch-polnischen Geschichte betrifft. Das unterstrich er bei einer stark besuchten Diskussion mit dem KOD (Komitee zur Verteidigung der Demokratie in Polen / Komitet Obrony Demokracji) am 16.November 2017 in den Berliner Verbandsräumen und forderte seine Landsleute auf, die Vergangenheit gründlicher bewusst zu machen und aufzuarbeiten.

Jan Tomasz Gross, -1947 in Warschau geboren -, entstammt einer katholisch-jüdischen Familie, die den Holocaust versteckt überlebt hatte und gerettet wurde. Er begann sein Studium in seiner Heimatstadt, wurde aber 1968 von der Hochschule verwiesen und einige Monate inhaftiert.


Nach der umfassenden antisemitischen Kampagne der kommunistischen Regierung in dieser Zeit, die viele Tausend jüdischen Polen aus dem Land ausbürgerte und vertrieb, siedelte Gross 1969 in die USA über. Er studierte an amerikanischen Universitäten und wurde zu einem der führenden Historiker und Soziologen der Entwicklung Polens und der Zeit der Weltkriege.

 

Gross schlägt den Bau von zeitgemäßen Gedenkorten und den Aufbau einer allgemein nutzbaren Informationsdatenbank vor, die mit den regionalen Heimatmuseen, digitalen Schülerportalen o.ä. eng zusammen arbeiten sollten um das lückenhafte Geschichtsbild zu ergänzen. Sein konkreter Vorschlag ist der Bau eines neuen Gedenkortes bzw. eines Museums in Lublin, wo im deutsch besetzten Polen die SS 1941 das erste Konzentrationslager und Vernichtungslager Majdanek errichtete.


Gross hatte mit seinem 2001 publizierten Buch Nachbarn ( poln. SĄSIEDZI ) , in dem er erstmals die  Ermordung der jüdischen Einwohner des ostpolnischen Städtchens Jedwabne durch ein Pogrom ihrer polnischen Mitbürger im Sommer 1941 beschreibt, die Debatte angestoßen. Vor allem in Polen löste das Buch heftige Kontroversen aus.

Weitere Studien und Bücher folgten: „Angst - Antisemitismus in Polen nach Auschwitz“, das antisemitische Ausschreitungen in den Jahren der Nachkriegszeit an verschiedenen Orten wie Kielce, Krakau und Rzeszow beschreibt. 


Der Bericht „Golden Harvest - Złote żniwa“ -  erschienen 2011 - greift abstoßende Geschehnisse am Rande des Holocaust und seiner Todeslager im Osten Polens nach Kriegsende auf.

Dass Gross seinen Ruf nach Umwertung des Geschichtsbildes nicht nur auf Polens Kommunistische Vergangenheit, sondern auch auf die Haltung und das Einwirken der polnischen katholischen Kirche und die aktuelle polnische Spitzenpolitik bezieht, macht die Dinge nicht leichter lösbar. Das zeigte die schnell aufbrandende Diskussion unter der Leitung der in Berlin ansässigen Lektorin Urszula Ptak. Die Spannung sprang direkt auf die lebhafte - simultan gedolmetschte - Diskussion der fast 80 Teilnehmer über.

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