Gründer schreiben über Gründer - Die Start-up-Szene im Spannungsfeld von Journalismus und PR

14. März 2019

Von Inga Dreyer

Die Macht der Medien spürt man am besten, wenn man in ihr Kreuzfeuer gerät. Andreas Winiarski hat das erlebt. Der frühere Pressesprecher von Rocket Internet betätigt sich inzwischen als Investor. Im Gemenge zwischen Journalismus, PR und Start-up-Szene hat er verschiedene Seiten ausprobiert. Als er seinen eigenen Fonds mit dem Namen Awesome Capital gründete, sei er von Medien „durch den Fleischwolf“ gezogen worden, berichtet er am 11. März 2019 bei der Diskussions-Reihe PR trifft Journalismus in der taz Kantine. Winiarski sagt das weder bitter noch anklagend – sondern unterstreicht damit die Forderung: „Man sollte nie vergessen, dass man über Menschen berichtet.“ Gleichzeitig aber hält er ein glühendes Plädoyer für kritische Berichterstattung. „Journalismus ist die Aorta der Demokratie“, betont er.

Start-ups mit Wirtschaftsinteressen auf der einen Seite und kritische Journalistinnen und Journalisten auf der anderen: Wie geht das zusammen? Die klassischen Reibungen zwischen PR und Journalismus scheinen auch in der Tech-Branche nicht auszubleiben. Allerdings diskutieren  die Podiums-Gäste an diesem Abend verständnisvoll wenig kontrovers.

Journalistinnen und Journalisten stünden bei Start-ups keine so große Armee an Presse-Sprechern gegenüber wie das bei großen Unternehmen der Fall sei, sagt Winiarski. Dafür sieht er andere Probleme. Viele Neulinge hätten noch nicht viel Ahnung von Pressearbeit – und falsche Vorstellungen. „Manchmal müsste man den Gründern einen Grundkurs in Demokratie geben“, sagt Winiarski.

PR und Journalismus in einem Boot?

Die PR-Leute auf dem Podium scheinen das nicht nötig zu haben. Kein Wunder: Sie kommen selbst aus dem Journalismus und arbeiten nicht für kleine Klitschen, sondern für mittlerweile börsendotierte Unternehmen. Viktoria Solms ist Head of Communications beim Online-Versandhändler home24, Bodo von Braunmühl Head of Corporate Communications bei Delivery Hero SE, die Bestellplattformen für Essen betreibt.

Es sei selbstverständlich, dass Nachfragen kommen, wenn es wirtschaftlich nicht so gut laufe, sagt Solms. „Es ist die absolute Pflicht für Journalisten, da kritisch zu berichten.“ Allerdings erwarte sie dann auch, dass sich die Schreibenden melden, damit das Unternehmen seine Position erläutern könne. Gute Journalistinnen und Journalisten seien an einer wahrheitsgemäßen Berichterstattung interessiert, betont sie. „Wichtig ist, dass es sich um eine intelligente, kluge Analyse handelt.“

Das schlimmste, was einem Unternehmen passieren könne, sei, ignoriert zu werden, sagt Bodo von Braunmühl. Insofern sei kritische Berichterstattung besser als gar keine. Zwischen Presseabteilungen von Unternehmen auf der einen und Journalistinnen und Journalisten auf der anderen Seite sieht er mehr Gemeinsamkeiten als Kontroversen. Beide seien an interessanten und lesenswerten Geschichten interessiert, betont er. „Ich sehe uns im Großen und Ganzen schon in einem Boot.“

Interessante Geschichten hinter verborgenen Türen

Stephan Dörner Chefredakteur von t3n, einem Magazin für digitales Business, sieht das nicht ganz so. „Viele relevante und interessante Geschichten sind solche, die das Unternehmen nicht unbedingt in der Öffentlichkeit sehen will.“

Auch Moderator Paul Wolter, Teamleiter Politik und Kommunikation des Bundesverbands Deutsche Startups, merkt an, dass Start-ups in letzter Zeit negative Presse bekommen hätten – sei es hinsichtlich der Arbeitsbedingungen oder auch des geringen Frauenanteils in der Branche. „Ich würde sagen: Das ist ein Prozess des Erwachsen-Werdens“, sagt Dörner. Berichte über Wirtschaft seien nun mal kritisch. Da solle die Tech-Branche behandelt werden wie andere Unternehmen auch, fordert er. Von Braunmühl stimmt dem zu: „Wenn die Berichterstattung fair ist, ist das völlig in Ordnung.“

So kommt die Debatte immer wieder auf die Schlagworte Fairness, Vertrauen und sauberes Handwerk zurück – Prinzipien, die beide Parteien fordern. Alexander Hofmann, Chefredakteur des Online-Magazins Gründerszene, äußert Verständnis dafür, wenn Unternehmenssprecher nicht über alles offen reden können. Wenn aber Informationen, die sich später als wahr herausstellen, abgestritten würden, sei das Vertrauen zerstört.

Dass der Presse vonseiten der Start-ups Quatsch untergejubelt werde, passiere selten, sagt Dörner. Er erlebe es eher bei Mittelständlern, dass diese Einfluss ausüben und am liebsten vorher den ganzen Artikel lesen möchten.

Redaktionen fühlen sich niemandem verpflichtet

Für Unternehmen kann sich positive oder negative Presse auch finanziell auswirken – beispielsweise, was Investitionen betrifft. An einer Berichterstattung hinderten solche Probleme die Redaktion nicht, aber sie behalte das Timing im Blick, sagt Hofmann. „Wir stehen Digitalem und Unternehmertum positiv gegenüber“, sagt er. Dadurch sei das Medium aber niemandem verpflichtet. „Wir geben uns extreme Mühe, beide Seiten zu Wort kommen zu lassen.“ Gründerszene gehört inzwischen zu Axel Springer. Redaktionell sei dadurch bisher keine Einflussnahme zu spüren gewesen, betont der Chefredakteur.

Im Fall der Tech-Berichterstattung sitzen Medien und Unternehmen auch auf anderen Ebenen in einem Boot. Oft handelt es sich auf beiden Seiten um Start-ups. Inzwischen interessieren sich auch größere und etabliertere Medien für die Gründer-Szene. Die Berichterstattung der großen Häuser sei aber nicht so kleinteilig, sagt Hofmann. Eine Gefahr für ihre Nische sehen die beiden Chefredakteure nicht. Beide Medien wüchsen und hätten offene Stellen. Das Interesse der großen Häuser an Start-ups schade nicht. „Ich sehe das eher positiv“, sagt Hofmann. Denn dadurch wachse das Interesse am Thema insgesamt.

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