Ein politisches Verständnis für die Gesellschaft schaffen - Kamingespräch mit Jay Rosen

29. August 2018

Von Astrid Sonja Fischer

 

Kreativität im Umgang mit schwierigen Situationen, empfahl der US-amerikanische Medienprofessor Jay Rosen[1] beim Kamingespräch mit DJV-Mitgliedern und externen Gästen aus dem Bereich der Wissenschaft. Unter Moderation von Vorstandsmitglied Wolf Siegert[2] ging es um die veränderten Beziehungen von Politikern und Journalisten zur Öffentlichkeit in Deutschland und den USA. Angesichts der digitalen Informationsflut entwickelt sich die Rolle des Journalismus in der Demokratie weiter.

 

Die Sommermonate 2018 hat Jay Rosen auf Einladung der Robert Bosch Academy in Berlin[3] mit einem Forschungsaufenthalt in Deutschland verbracht. Zum Abschluss seiner Arbeiten berichtete der Professor für Journalismus an der New York University von seinen Eindrücken. Im Mittelpunkt seiner Untersuchungen steht die Idee eines „German PressThink[4]“ im Unterschied zu dem Selbstverständnis der Medien in den USA. Die deutsche Debatte um Haltung und Meinung sowie die Interpretationen des Zitats von Hanns Joachim Friedrichs „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache[5]“, sei anfangs neu für ihn gewesen. Die meisten seiner Gesprächspartner hätten sich aber darauf bezogen. Er nahm die beiden deutschen Worte „Haltung“ und „Meinung“ als ein Ergebnis seiner Recherchen mit, eine exakt passende Übersetzung ins Englische sei schwierig. Ein weiteres Wort, das gut zur deutschen Journalismuskultur passe, sei das Wort „Aufklärung“ in all seiner Bedeutungsvielfalt.

 

Gatekeeper funktioniert nicht mehr

 

Rosen ist selbst kein aktiver Journalist. Er beobachtet den Journalismus vielmehr als Wissenschaftler in gesellschaftspolitischer Hinsicht. Dessen Rolle habe sich in den USA in den letzten Jahren stark verändert. Noch vor zehn bis 15 Jahren sei es üblich gewesen, dass die Reden von Politikern einem Fakten-Check durch die Medien unterzogen wurden. Wenn sich dabei Aussagen als falsch herausgestellt hatten, wurden diese in der Politik nicht mehr wiederholt, berichtet Rosen. Das sei inzwischen anders. „Die Journalisten haben ihre Rolle als Gatekeeper verloren“, so Rosen. Der amerikanische Präsident Donald Trump kommuniziert über Twitter direkt mit der Weltöffentlichkeit[6], und seine Wähler in den USA spricht er über den Sender Fox News[7] an. Innerhalb von 24 Stunden sind seine Botschaften damit in allen gesellschaftlichen Schichten präsent.

 

Der Professor verwies auf die aktuelle Gefahr von Informationsblasen, die in USA und Deutschland gleichermaßen besteht. „Menschen, die sich nicht mehr weiterentwickeln wollen, haben naturgemäß kein Interesse an den Veränderungen in der Welt. Sie wollen keine News, sondern die Bestätigung ihres Standpunktes“, betonte Rosen. Über das Internet finden sich leicht entsprechende Gruppen zusammen. Aber auch der gesamte Bereich der politischen PR und Kommunikationsstrategien präge die politische Berichterstattung in den Medien, da Journalisten von deren Erklärungen fasziniert seien.

 

Einordnen und Standpunkte relativieren

 

Wie können Journalisten ihrer Informations-Pflicht nachkommen, wenn sie die Rolle des Gatekeepers verloren haben? Rosen sieht eine neue Aufgabe des Journalismus in demokratischen Gesellschaften. „Journalisten sollten der Öffentlichkeit ein politisches Bewusstsein für sich selbst vermitteln. Dazu gehört vor allem die Fähigkeit, seinen eigenen Standpunkt aus der übergeordneten Perspektive der Gesellschaft zu betrachten“, empfiehlt der Wissenschaftlicher.

 

Für eine solche Vermittlung eines politischen Bewusstseins für die Gesellschaft brauchen Journalisten vor allem einen kreativen Umgang mit schwierigen Alltagssituationen. Rosen berichtete beispielhaft von einem ZDF-Sommer-Interview mit dem Fraktionsvorsitzenden der AfD, Alexander Gauland[8], in dem der Interviewer aktuelle Themen der Bundespolitik abgefragt habe, ohne auf das Thema Flüchtlinge einzugehen[9]. Nicht alles, was von Politikern verlautbart werde, sei berichtenswert. Rosen rät zu einer kritischen Distanz. Dies gelte auch im Umgang mit dem Phänomen der „Fake News“. Jedes Wort darüber sei bereits eines zu viel und unterstütze pressefeindliche Positionen, er selbst würde es heute nicht mehr in den Mund nehmen. Und sich mit diesem Thema auch nicht mehr öffentlich auseinandersetzen wollen.

 

In den USA habe die Washington Post mit Marty Baron’s „We are not at war, we’re at work[10]“ das journalistische Verständnis geprägt, sich nicht durch die Anfeindungen des Präsidenten provozieren zu lassen. Die konzertierte Aktion der US-amerikanischen Zeitungen für die Pressefreiheit am 16.8.2018[11] sei hingegen etwas Außergewöhnliches gewesen, da dies eigentlich dem Verständnis von Unabhängigkeit der Medien zuwiderlaufe. Die Zeitungen hätten dadurch aber gezeigt, dass sie sich nicht in der Rolle der politischen Opposition sehen.  


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[11] http://www.daybyday.press/article6371.html 


Jay Rosen bei Twitter: @jayrosen_nyu

Wolf Siegert zum Thema: http://www.daybyday.press/article6348.html


 

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