„Ein bisschen mehr Innovationsdrang ist schon nötig“

19. März 2018

 

von Luise Schneider

Die Digitalisierung stellt den Journalismus vor große Herausforderungen: kostenlose Inhalte sind jederzeit für jedermann zugänglich, die Bedeutung von Communities wächst stetig und täglich drängen neue Akteure auf den Markt. Wie steht es vor diesem Hintergrund um die Zukunft des Journalismus? Über diese und weitere Fragen, Finanzierungsmodelle und die Bedeutung von Community-Journalismus diskutierten am 28. Februar die Teilnehmer des ersten Mediensalons 2018 zum Thema „Zukunft des Journalismus: Nur eine Nische im Content-Flow“ im taz Café.

Keine Zukunft ohne Communities

„Womit werden wir eigentlich in Zukunft unsere Brötchen verdienen?“ Mit dieser Frage startet Moderatorin Tina Groll, Redakteurin bei Zeit Online und Gründerin des ursprünglichen Mediensalons, in den Abend. Ein zentrales Thema im zukünftigen Journalismus, da sind sich die Diskutanten einig, wird Community Building spielen. Prof. Dr. Dr. Ayad Al-Ani, assoziierter Forscher am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft, erklärt: „Unsere Gesellschaft zerfällt in immer mehr kleine Communities – Tribes. Und die brauchen alle ihre eigenen Medien.“ Wichtig dabei sei: Der Leser müsse eine Beziehung eingehen – und werde dadurch mündiger. „Vielleicht ist das auch naiv, weil wir ja noch nie eine Demokratie hatten, wo wirklich alle mitreden konnten. Wir haben damit keine Erfahrung. Aber die Medien werden dabei eine Schlüsselrolle spielen.“

Eine Online-Community aufbauen – das hat Sabrina Markutzyk, freie Journalistin und Social-Media-Expertin, mit ihrem Lokalblog neukoellner.net geschafft. Sie weiß: „Die Identifikation auf lokaler Ebene ist ein wichtiger Punkt. Wenn ich für etwas bezahle, muss ich mich damit identifizieren können.“ Unter anderem durch Events und Facebook konnte sie in den direkten Kontakt mit ihren Lesern treten und transparent arbeiten. „Die Leute wussten, mit wem sie es zu tun haben und von wem sie da lesen.“ Den Status Quo des Journalismus kritisiert sie scharf: „Der Journalismus muss raus aus seinem Elfenbeinturm. Der Qualitätsjournalismus hat zum großen Teil den Kontakt zu den Lesern verloren.“ Durch Social Media hätten die Verlage zwar die Chance bekommen, eine Beziehung zum Publikum aufzubauen, sie hätten sie jedoch nicht ausreichend genutzt.

Jeder fünfte Nutzer zahlt bereits für Informationen

Anja Pasquay, Pressesprecherin beim Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) e. V., ist anderer Meinung: „Ich kriege einen Hals, wenn ständig gesagt wird, die Branche habe alles verschlafen. Die Verlage sind deutlich innovativer, als man ihnen gemeinhin zuspricht.“ Die Verlage seien insgesamt schneller geworden, auch wenn dies natürlich noch nicht auf jeden einzelnen zutreffe. Pasquay bringt zudem das Thema Finanzierung auf den Tisch: „Es ist wichtig, das Gefühl hervorzurufen, dass Informationen einen Wert haben, der irgendwie auch bezahlt werden muss.“ Sie zitiert eine Bitkom-Studie, laut derer jeder fünfte Internetnutzer schon einmal in irgendeiner Form für Informationen bezahlt habe. Es geht also voran im Bereich Paid Communities – wenn auch langsam: „Es ist ein Marathon, es geht nicht von heute auf morgen.“ Auch Rattana Schicketanz, Head of Special Digital Broadcasting bei der WeltN24 GmbH, weiß, dass der Aufbau von Communities mühsam ist und vollen Einsatz erfordert: „Man muss reininvestieren. Man muss die Communities weltweit verstehen – und die richtige Sprache und Ansprache finden.“

Als Mitbegründer und Vorstand von Krautreporter weiß auch Philipp Schwörbel: Ohne Verständnis und Vertrauen gewinnt man keine Fans. „Unser Erfolgsgeheimnis: Wir verkaufen keine Inhalte, unsere Währung ist das Vertrauen.“ Und das hätten sich die Redakteure von Krautreporter mühevoll erarbeitet – indem sie transparent arbeiten, ihre Leser in Diskussionen einbinden und Kritik von außen ernst nehmen. Die Leser seien in Folge dieser Bindung eher bereit für Inhalte zu zahlen. Schwörbel meint: „Eigentlich ist es ist doch auch normal dafür zu zahlen: Man wohnt schließlich auch nicht umsonst.“ Handlungsbedarf sieht er dabei auch – und vor allem – auf Seiten der Verleger: „Ein bisschen mehr Innovationsdrang ist schon nötig. Man muss aus diesem Laber-Rharbarber-Lamentier-Modus raus. Man redet immer nur, statt etwas zu tun.“

Wenn nicht die Medienbranche, wer dann?

À propos Innovation: Was erwartet die Journalisten von morgen in den kommenden Jahren? Virtual Reality sei ein heißes Thema, aktuell laut Schicketanz jedoch noch zu teuer. Spracherkennungssysteme wie Alexa spielten jedoch schon jetzt eine große Rolle. „Diesen Bereich müssen wir massiv angehen, um nicht schon wieder ins Hintertreffen zu geraten.“ Pasquay stimmt dem Potenzial der Systeme zu und deutet auf die sich in Folge dessen wandelnde Rolle der Journalisten hin: „Ich gehe davon aus, dass der Beruf technischer wird. Die Plätze der klassischen Journalisten werden weniger.“ Prof. Dr. Dr. Al-Ani jedenfalls sieht den Entwicklungen mit Zuversicht entgegen: „Wenn es irgendwo Erfahrungen gibt, wie man mit der Digitalisierung umgeht, dann hier – in der Medienbranche.“

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