Der DJV Berlin reformiert seine Struktur

21. Oktober 2016

Der Verband soll für journalistisch tätige Medienschaffende aller Genre und jeden Alters attraktiver werden

Mit sehr großer Mehrheit hat der DJV Berlin auf der Mitgliederversammlung am 18. Oktober seine Verbandsstruktur grundlegend reformiert. Der Anteil freier Journalisten im Verband hat sich seit 2014 von 55 auf jetzt 70 Prozent erhöht. Eine jahrzehntealte Untergliederung der Mitgliedschaft in mehr als zehn Fachausschüsse mit langen Wahlperioden, in denen die ehrenamtlichen Funktionäre nicht mehr auf die schnell wechselnden Erfordernisse reagieren können, haben die Attraktivität der Verbandsarbeit für einzelne Mitglieder uninteressant gemacht.

Der DJV insgesamt leidet genau wie die politischen Parteien an Überalterung. Der inzwischen erheblich verjüngte Vorstand des Landesverbandes Berlin hat erkannt, dass sich junge Menschen davor scheuen, in große Organisationen einzutreten, bei denen sie eine starre Hierarchie vermuten. Das gilt für die Gewerkschaftsjugend, Sportvereine und besonders für Parteien. Junge Journalisten, die das erste Mal die Formalien einer Fachausschusswahl erleben, kommen nicht wieder, weil sie dann erst mal hören: Das haben wir hier seit fünfzig Jahren so gemacht.

Genauso drohten sich in der Diskussion auf der Mitgliederversammlung drei Sichtweisen aneinander zu reiben. Erstens, lasst uns doch so weitermachen wie früher. Zweitens, ein bisschen Reform geht doch auch, was heißen sollte, parallel zu alten Strukturen, neue ausprobieren und drittens, Neues ausprobieren ohne Energie in Doppelstrukturen zu vergeuden. Die stellvertretende Vorsitzende Astrid Fischer erklärte, wie aus dem Kreis der Mitglieder die jeweils kompetenten Vertreter auf direkten Vorschlag aus der Basis oder des Vorstandes Teams bilden können, um zeitnah Probleme zu lösen. Die Laufzeit dieser Teams kann von kurzer Dauer sein, wenn eine Aufgabe schnell zu lösen ist – beispielsweise die Organisation einer medienpolitischen Diskussionsrunde. Andere Teams können langfristig oder auch unbefristet arbeiten, wenn ihre Aufgabe das erfordert.
Im Team werden die Verantwortlichen selbstständig bestimmt. Die Arbeit soll auf mehr Schultern als bisher verteilt werden. Die Teams unterstützen mit ihren Ergebnissen den Vorstand. Nach langer Diskussion meinte der bisherige Vertreter des Fachauschusses Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, dass alles bereits mehrfach gesagt und die Zeit zum Abstimmen reif sei. In geheimer Abstimmung gab es nur fünf Gegenstimmen.

„Ob der Medienwandel mit oder ohne den DJV stattfindet, hängt wesentlich von dessen Reformfähigkeit ab. Der Umbruch im Journalismus ist mit voller Wucht im Gange, in einer Zeit politischer Zuspitzungen, geringer Wahlbeteiligungen, einem erodierenden Parteien-System und dem zunehmenden Einfluss von Populisten. Hier muss der DJV seinen Mitgliedern Antworten bieten“, sagte der Vorsitzende Bernd Lammel zur Begründung in der Diskussion. Der erweiterte Vorstand hatte bereits in seiner Klausurtagung im Frühjahr 2015 mit der Analyse der Lage begonnen. In Arbeitsgruppen wurde Handlungsempfehlungen erarbeitet. Im März 2016 bat der Vorstand die Mitglieder, ihre Vorschläge zum Umbau des DJV Berlin zu einem zeitgemäßen Verband zu machen.
„Alles muss auf den Prüfstand und wenn nötig, das Haus DJV Berlin auf einer ‚grünen Wiese’ neu gebaut werden.“, so definierte Schatzmeister Jens Schrader die Aufgabe. Die Tendenzen von Gewerkschaftsmüdigkeit münden im bundesweiten Mitgliederschwund. „Aufhalten und umkehren können wir diesen Trend nur an der Basis in den Ländern.“, ergänzte Schrader.

Diesem Prozess ging eine Sitzung des Erweiterten Vorstandes voraus, auf der alle eingeladen wurden, mit eigenen Vorschlägen mitzuwirken. Egal ob mit Wahlfunktion oder ohne. Es gab heiße Diskussionen und zum Thema Website/Kommunikation ein Pilotprojekt, um Praxistauglichkeit zu proben. Das zweite und größte Pilotprojekt direkt aus der Mitgliedschaft heraus ist der bisherige Fachausschuss Generation Plus. Er kommt in keiner Bundessatzung vor und hat sich völlig selbst organisiert.

Die unter 40-jährigen sind ein wissenshungriges und vom etablierten Journalismus zunehmend unerreichtes Publikum. Allein die Veranstaltung mit Tilo Jung zu seinem Video-Blog „Jung & Naiv – Politik für Desinteressierte“ im DJV Berlin hatte gezeigt, dass junge Journalisten sich ihre eigenen Medien geschaffen haben, aber nicht weil sie desinteressiert sind, sondern weil sie von den neuen Möglichkeiten aktiv Gebrauch machen.

Der DJV Berlin will ihnen ein Angebot machen, sich aktiv einbringen zu können. Was einfach klingt wird im Folgejahr die Mitglieder und den Vorstand extrem fordern. Die Ziele sind klar: Nicht alter Wein in neuen Schläuchen, sondern ein flexibler, serviceorientierter Verband, der jedem einzelnen Mitglied mehr demokratische Teilhabe ermöglicht. Hinzu muss eine moderne Kommunikationsplattform etabliert werden, die das Wachsen einer echten Community ermöglicht. Der Erhalt von Arbeitsplätzen der festangestellten Journalisten und anständig bezahlte Jobs für Freie haben höchste Priorität. Dazu bedarf es innerhalb des bundesweiten DJV mehr finanzieller Mittel für die Landesarbeit.

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