Der Bundestag twittert ja schon!

13. März 2019


von Gudrun Küsel

Über „alte und neue Influencer“ und die Frage „Wieviel Macht haben Medien bei politischen Entscheidern?“ diskutierte im Haus des „Vodafone Instituts für Gesellschaft und Kommunikation“ in Berlin-Mitte eine prominente Journalisten-Runde.

„Wieviel Macht hat die Zeitung?“ fragt gleich zu Beginn Tagesspiegel-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron und gibt eine Antwort: „In dieser Dimension denken wir nicht. Klassische Aufgaben sind wichtiger – das sind Aufklärung und Unterhaltung.“ Dennoch: Die Medien befänden sich in einem Prozess der Umstellung, dessen Ende noch nicht absehbar sei. „Die neue digitale Welt drückt sich auf 99 Wegen aus. Alles ist schwierig. Zum Beispiel: Wie kommen wir an die jungen Leute ran?“ Die hätten die FAZ zwar auch früher nicht gelesen. Doch es gebe Zeichen der Hoffnung. „Wir sind an einem Punkt, wo wir Boden unter die Füße kriegen.“ Zum Beispiel entwickle man neue Publikationsrhythmen, entsprechend den geänderten Lesegewohnheiten. Wie stellt man die beste Interaktion mit den Lesern her? „Bei uns herrscht eine Atmosphäre wie im Labor.“ Journalismus müsse sich dialogisch weiterentwickeln. Trotz allem, so der frühere Spiegel-Online-Chef: „Digitale Revolution ist das Beste, was dem Journalismus passieren konnte.“

Sehen das die Politiker genauso? Achten sie eher auf Print-Medien oder Twitter und Co.? Die frühere Regierungssprecherin und heutige PR-Beraterin Dr. Annekatrin Gebauer: „Die politische Ebene ist überfordert. Der digitale Raum erscheint vielen Politikern als unübersichtlich. Auch wenn seitens der Politik digitale Kampagnen gefahren werden.“ Es gebe ein Nebeneinander von alter und neuer Welt. „Die Politik guckt durchaus: was wird wo geschrieben? Zum Beispiel auf YouTube. Aber Social Media wird nicht wirklich geachtet. Man sieht das eher als Querulantentum.“ Mediale Influencer seien immer noch die klassischen Medien. „Print ist für viele die erste Klasse.“ Jedoch: im Netz werde die Sprache der Bundesregierung anders gewertet, meint die ehemalige Sprecherin der Bundeskanzlerin. Daher sei vorher nie absehbar, „welcher Satz wie läuft.“ „Wir schaffen das“ – niemand habe erwartet, dass ein kleiner Nebensatz eine so große Wirkung haben würde. Inzwischen sei man mit lockeren Aussprüchen vorsichtiger geworden, fügt sie hinzu.

Die Redakteure der klassischen Medien sollten nicht so sehr auf Twitter schielen – findet dagegen Stefan Mauer, Hauptstadtkorrespondent von XING-News. „Wir zumindest springen nicht auf Twitter-Trends auf.“  Viele Kommentare ergäben noch lange keinen erfolgreichen Artikel. „Diese Gleichung ist zu einfach. Wir wollen auf einem bestimmten Niveau diskutieren.“ Natürlich müsse man mit der neuen Dynamik umgehen. „Denn die Leute wollen das Gefühl haben: wir werden gehört. Aber wir legen bei Kommentaren Wert auf Klar-Namen.“ Zudem gebe es Themen, mit denen die sozialen Medien kaum umgehen könnten. Ein Beispiel: „Bei der Vorbereitung von Kommunalwahlen sind wir immer noch diejenigen, die alles einordnen.“

„Aber der Bundestag twittert ja schon!“ wirft die Chefin vom Dienst bei ZEIT-Online, Monika Pilath, ein. Das sei gut, denn Medien kämen so an mehr Zitate heran. Nachrichtenagenturen seien nun mal nicht mehr die Quelle für alles. Man müsse beobachten und öffentlich machen, was an der Basis passiere. Jedoch: „Wir beobachten die sozialen Medien sehr genau.“ Oft finde man da „kleine“ Geschichten, die woanders nicht zu lesen und emotionell bewegend sind. Was die Leser wollen, werde immer wichtiger. Oft kämen sie von Facebook oder Instagram. „Da muss man gucken: wie stelle ich Themen so auf, dass es Interesse weckt?“ Ja mehr noch: „Wie können wir junge Journalisten zu uns holen, die nicht aus akademischen Kreisen kommen, sondern aus Arbeiterhaushalten oder einen Migrationshintergrund haben?“ Es sei eben jetzt eine schwierige Aufbruchszeit. Auch unter Kostengesichtspunkten. „Welche Inhalte lassen sich hinter die Abo-Schranke bringen?“

Die Diskussion mit dem Publikum hinterher war äußerst lebhaft. Es wurde das Verhältnis von Medien und Politik hinterfragt. Oder was angehende Journalisten besonders beachten sollten. Ob die Medien angemessen auf den „Fall Claas Relotius“ reagiert hätten oder mit der AFD richtig umgingen. Ein Zuhörer wollte wissen, warum so viele Journalisten auf die PR-Seite wechselten. Er stellte sich als „Parlamentskorrespondent“ der Firma Reemtsma vor. Eine freie Journalistin empörte sich: Früher sagte man PR-Berater dazu – ob er mal erläutern könne, was er als „Korrespondent“ so mache. Der Herr freute sich sichtlich über die Frage: In der Konzernleitung denke man immer nur über den Verkauf nach, er aber wolle die Zigaretten-Industrie „wirklich transparent machen“. Na dann …

In der Schlussrunde fragte Moderator Johannes Altmeyer von der WELT, welche Influencer für die Diskussionsteilnehmer am wichtigsten seien. Die Vertreter von ZEIT-Online und XING-News, Pilath und Mauer, waren sich einig: klassische Medien, vielleicht ein zweiter Blick auf Twitter. Ex-Regierungssprecherin Gebauer bevorzugt BILD und Tagesspiegel-Chef Blumencron ganz pragmatisch Newsletter von Kollegen.

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