Als gläubiger Muslim tut mir das weh

15. Dezember 2018


von Gudrun Küsel

Was ist los in deutschen Moscheen? Wird dort islamistischer Terrorismus vorbereitet? Und keiner merkt es? Sind Medien und Politik zu gutgläubig? Die drei Diskutanten des Abends beleuchteten diese Fragen aus sehr unterschiedlichen Richtungen. Und kamen doch zum selben Ergebnis: Es gibt eine reale Gefahr und sie wird größer werden, wenn wir – gemeint sind auch wir Journalisten - nicht gegensteuern.

Zwei Jahre lang hat Shams Ul Haq als Undercover in 150 deutschen Moscheen recherchiert. „Ich habe mit Imamen gelebt und gegessen.“ Zum Beispiel am Hamburger Hauptbahnhof. Dort gibt es zwanzig Moscheen. Zehn bis fünfzehn davon sind offiziell bekannt. „Die anderen nicht. In denen habe ich geschlafen und gelebt. Man kriegt dort auch Papiere. Ich traf einen Zuhälter, der auch Imam ist.“ Der freie Journalist und Buchautor resümiert: “Was hier in den Moscheen abgeht – da sehe ich schwarz.“ Er hat über seine Beobachtungen ein Buch mit dem Titel „Eure Gesetze interessieren uns nicht“ geschrieben und TV-Dokumentationen erstellt. „Die Imame reden den Dschihad schön. Sie predigen, dass alle Nicht-Muslime umgebracht werden sollen. Die wissen, in Deutschland können sie machen, was sie wollen.“ Journalisten müssten viel genauer hinsehen. „Was die Imame predigen, muss bekannt werden.“

Shams Ul Haq kam 1990 mit einer Schleuserbande nach Deutschland. „Aus Pakistan in den Westerwald.“ Der 11. September 2001 rüttelte ihn auf. „Was kann ich zurückgeben“, fragte er und wurde Journalist. Bereiste Krisengebiete in Nahen und Mittleren Osten. „2015 war mir sofort klar, dass es nicht gut laufen würde. Wir haben in Deutschland lachhafte Gesetze. Ihr habt Schläfer hier reingelassen. Als gläubiger Muslim tut mir das weh.“ Und: „Was wird aus unseren Kindern, wenn – wie etwa in Offenbach – nur zehn Prozent der Schüler Deutsche sind? Wer bestimmt dann den Diskurs unter den Schülern?“

Integration von Flüchtlingen sei rein wirtschaftlich determiniert, kritisiert Aktham Suliman, ehemaliger Korrespondent des Senders Al-Jazeera. „Es heißt: Bringt sie in Arbeit! Gebt ihnen eine Ausbildung! So denken die Deutschen, aber wir reden nicht dieselbe Sprache.“ Man müsse etwa mehr mit den Eltern der Schüler sprechen, die bei Arabern die Autorität haben. Die westliche individualisierte Gesellschaft sei für Araber unverständlich. Und: „Früher waren wir Ausländer, Kanaken, Flüchtlinge. Heute sind wir Muslime. Man macht ein paar Bilder von Kopftuchfrauen in Neukölln und das war’s. So entstehen Vorurteile.“ Andererseits: Wenn syrische Flüchtlinge eine Frau vergewaltigen – dann müsse man auch sagen können: es waren Syrer. Journalisten sollten darüber nachdenken.

Der Westen nehme die kulturellen Unterschiede in den arabischen Ländern nicht wahr. Die Rolle der Religion auch nicht. „Wir werden in unsere Religion hineingeboren. Vieles kann man nicht mit Demokratie und Wahlen klären.“ Beispiel: Ägypten. Man wähle den Kandidaten, den die Familie wählt. Oder man wählt die Muslim-Brüder, weil sie gute Muslime sind. Was Liberale sind, wisse man nicht. Hinzu kommt der Analphabetismus, die Politiker kandidierten mit Bildchen von Eseln oder Adler.

„Hier glaubt man, die Leute kämen wegen der Demokratie, aber das stimmt nicht.“ Der „arabische Frühling“ habe zu viele Hoffnungen geweckt. „So wie Obama an der Siegessäule“. Doch mit den linken arabischen Ideen sei es Ende der 80er Jahre vorbei gewesen - nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. „Wenn die Linke schwächer wird, werden die Islamisten stärker.“ Viele ehemalige Linke hätten sich nach rechts gewandt, auch der Sender Al Jazeera. Die Menschen hielten sich an der Religion fest – auch eine Folge der Globalisierung, die Ängste auslöse. Nach dem 11. September habe sich der Diskurs nochmal geändert. „Jahrhundertelang gab es den Islam, aber plötzlich gab es Islamisten.“ Krieg löse das Problem nicht. Im Krieg dezimiere man einen Feind, aber den Islamismus nicht. „Schickt uns Akademiker statt Soldaten“, sagt Suliman. So leise, dass es ein wenig wie ein Seufzer klingt.

Die Deutschen seien in einer psychologischen Zwickmühle, findet die Mitbegründerin der Ibn-Rushd-Moschee in Berlin, Seyran Ates. „Gut und tolerant“ zu sein, sei modern als Westeuropäer. Bloß niemandes Gefühle verletzen! So wie vor zwanzig Jahren, als kaum jemand den „Grauen Wölfen“ Paroli geboten habe. Das sei falsch gewesen. Inzwischen vielleicht zu spät. „Wir müssen genug Courage aufbringen, um nicht immer ängstlich zu sagen: die Rechtspopulisten werden bedient.“ Aber: „Ich sehe aktuell keine Partei, die die Initiative übernehmen könnte – die eine Hoffnung für mich ist.“

Ates, die als Sechsjährige nach Berlin kam und vor zwanzig Jahren ihr erstes Buch schrieb, fordert die Presse zu mehr Verantwortung auf. „Journalisten wollten bisher vieles nicht sehen.“ Dass es Parallelgesellschaften gibt. Oder Zwangsehen. Die Rechtsanwältin mit türkisch-kurdischen Wurzeln konstatiert fehlendes Wissen über die eigene Religion. Seit es den Islam gebe, hätten Männer und Frauen zusammen gebetet. Erst später habe sich dies geändert. Im 7. und 8. Jahrhundert konnten Frauen sogar Imame werden. Und heute? „Die Islamisten behaupten, Männer und Frauen knutschen sich in unserer Moschee.“ In Wirklichkeit sei Sex das größte Problem im Islam. „Man heiratet, um Sex zu haben.“ Ates fordert eine sexuelle Revolution à la Wilhelm Reich. „Bei uns versuchen wir es ein bisschen. Jeder, der durch die Tür kommt, ist willkommen. Auch und gerade Schwule natürlich.“

Seyram Ates erzählt von ihrer Herfahrt nach Berlin vor wenigen Stunden - wie immer von Staatsschützern begleitet. Ein junger Mann im Salafisten-Look habe sie auf dem Bahnsteig beschimpft. Sie mache den Islam schlecht. „Schämen Sie sich“, habe er immerzu geschrien. „Dieser Mann macht Angst“, sagt sie. Und: „Ich bin dankbar, dass ich beschützt werde, dankbar, in einer Demokratie zu leben.“

Ist der Islam überhaupt reformfähig? fragt Diskussionsleiter Bernd Lammel zum Abschluss in die Runde. „Ja – im Untergrund gibt es Ansätze“, ist die Antwort. Eine sehr leise und fragile Antwort.

Aktuelle Publikationen:

Seyran Ates - Selam, Frau Imamin: Wie ich in Berlin eine liberale Moschee gründete, 2017, Gebundene Ausgabe, 304 Seiten, Verlag: Ullstein Hardcover

Aktham Suliman - Krieg und Chaos in Nahost: Eine arabische Sicht, 2018, Taschenbuch, 232 Seiten, Nomen Verlag

Shams Ul-Haq - Eure Gesetze interessieren uns nicht!, 2018, Taschenbuch, 256 Seiten, Verlag: Orell Füssli

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