TERMINE FACHAUSSCHUSS

30. Januar: Wahlen, 18.00 Uhr

Fachausschussvorsitzender

Maksut Kleemann

E-Mail: Maksut.kleemann@gmx.de
oder mk-medienkontor@gmx.de 
Tel.: 0231/ 52 95 87

Fax: 0231/ 52 14 67

Handy: 0172 23 1111 3

Stellvertretender Vorsitzender

Fotos: privat

Kaj Holmberg

E-mail: kaj.film@mac.com

handy: 0179-5050 555

fax: 030-88920040

FACHAUSSCHUSS (FA) EUROPA

   Der Fachausschuss  ist ein Querschnitt-Ausschuss der sich mit europäischen Themen beschäftigt, die den Journalismus betreffen. Er bemüht sich um den Aufbau internationaler Beziehungen durch persönliche Kontakte zu Journalisten und Journalistinnen und deren Verbänden, durch: Kooperation in Fragen der Aus- und Weiterbildung, der Qualitätssicherung im Journalismus, des Rechts- und Datenschutzes für Journalisten, der Einhaltung der Menschenrechte, der Informationsfreiheit, der Gleichstellung, des Arbeits- und Tarifrechts. Der Austausch von Journalistinnen und Journalisten, Veranstaltungen und Reisen, z.B. auch nach Brüssel und in europäische Länder sollen diese Bemühungen vertiefen.

12. Januar 2012

Einladung zur Wahl der Vorsitzenden des Fachauschusses am 30. Januar

Der Fachausschuss Europa lädt zur Wahl seines Vorsitzes für Montag den 30. Januar 2012 um 18.00 Uhr ein. Ort: Geschäftsstelle des DJV Berlin (Taubenstr. 20, 10117 Berlin).  Anmeldungen bitte an: info@djv-berlin. (Dient unter anderem der Feststellung der Stimmberechtigung).

Vorläufige Tagesordnung:
Top   1:   Eröffnung und Begrüßung durch den Vorsitzenden, Bestimmung eines Protokollanten, Genehmigung der Tagesordnung, eventuelle Ergänzungen
Top   2:   Bericht des Vorsitzenden
Top   3:   Aussprache
Top   4:   Prüfung der Stimmberechtigung der Anwesenden (aktives + passives Wahlrecht)  - Hinweis: Wahlberechtigt ist jedes Mitglied des DJV Berlin, aber es kann innerhalb einer Wahlperiode nur in einem Fachausschuss bei der Wahl der Vorsitzenden seine Stimme abgeben.
Top   5:   Eintritt in die Wahl
Top   6:   Wahl des Wahlvorstandes
Top   7:   Eröffnung der Wahl/en durch den Wahlvorstand
Top   8:   Vorstellung der Kandidaten - mit anschließender Aussprache
Top   9:   Verteilung der Wahlzettel
Top 10:   Eintritt in die geheime Wahl
Top 11:   Wahl des/der Vorsitzenden
Top 12:   Wahl des/der Stellvertretenden Vorsitzenden
Top 13:   Der/die neue Vorsitzende übernimmt die Sitzungsleitung
Top 14:   Verschiedenes

Maksut Kleemann, Fachausschussvorsitzender

Berichte und Informationen aus dem Fachausschuss:

4. April 2011

Focus on europe - Litauen: „Ein kleines Land für große Möglichkeiten“

Botschafter Mindaugas Butkus (rechts): "Litauen - ein kleines Land mit großen Möglichkeiten" Foto: kay

   So überschrieb der Botschafter der Republik Litauen, Mindaugas Butkus, die Vorstellung seines Landes im „Focus on Europe“-Gespräch des DJV Berlin - Fachausschuss Europa am 30 .3. 2011. Mit den großen Möglichkeiten ist zunächst die vorteilhafte geographische Lage im Norden und Osten der Europäischen Union gemeint, über die man von Kiel bis Klaipeda und von Warschau bis München 110 Millionen EU-Bürger erreichen kann.
   Wichtige Partner Litauens sind seine Nachbarn Russland, Weißrussland, und als zweitwichtigste Wirtschafspartner mit zehn Prozent des Außenhandels die Bundesrepublik Deutschland. Auch in politischer und gesellschaftlicher Hinsicht sei Deutschland bedeutend: 50 gemeinsame Städtepartnerschaften und die Mitgliedschaft von 70 der 141 litauischen Parlamentsabgeordneten im litauisch-deutschen Freundeskreis belegen dies. Noch jeder bisherige Bundespräsident hat bislang das kleine Land im Baltikum besucht.
   Ein nicht geringes wirtschaftliches Problem stelle die Arbeitslosigkeit dar: 20,7 Prozent im Jahr 2010. Im diesem Jahr werde ihr Rückgang auf 14,9 Prozent angestrebt. Der Haken sei, so der Botschafter, dass sein kleines Land nicht für alle Berufe, z. B. Chemiker, Arbeitsplätze bieten könne, was eine Abwanderung junger Leute in andere EU-Staaten zur Folge habe. Die hohe Arbeitslosigkeit sei aber auch der Finanzkrise geschuldet gewesen, die Litauen aber nun bewältigt habe.
   So zeige auch das BIP-Wachstum nach oben: nach 1,3 Prozent im vergangenen Jahr werden 5,8 Prozent für 2011 erwartet. Stützen der Volkswirtschaft seien mit einem Drittel des BIP Handel, Verkehr, Tourismus (davon 100.000 deutsche Besucher jährlich) und andere Dienstleistungen. Unter den Importartikeln aus Deutschland, so war zu erfahren, gehören neben chemischen Erzeugnissen, Maschinen und Kraftfahrzeuge, darunter auch jährlich etwa 150.000 gebrauchte Autos.
   Wirtschaftlich und zugleich außenpolitisch bedeutend für Litauen ist die Frage der Energieversorgung. Flüssiggas und erneuerbare Energien sollen die Energieträger der Zukunft sein. Immerhin biete Litauens Westen mehr Sonneneinstrahlung als die Bundesrepublik Deutschland, so der Botschafter. Obgleich ein Atomkraftwerk noch aus sowjetischer Zeit, Ignalina, mittlerweise abgeschaltet ist, bedeute das aber noch nicht den endgültigen Abschied von der Kernenergie. Litauen könne ein AKW-Standort für die Versorgung der baltischen Staaten und Polens sein. Allerdings würde ein russischer Investor nicht in Frage kommen.
   Energiesicherheit – das ist auch eines der wesentlichen außenpolitischen Prioritäten Litauens. Zu den weiteren Prioritäten gehöre die Stärkung der internationalen wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit sowie eine effiziente Europapolitik und transatlantische Zusammenarbeit, will heißen eine verstärkte Verankerung in EU und NATO. Vorrang genießen dabei natürlich – wie eingangs erwähnt - die Nachbarn Russland und Weißrussland. Mit ihnen müsse konstruktiv auf der Basis demokratischer Werte zusammengearbeitet werden. Dazu gehöre das Engagement Litauens in der der östlichen Nachbarschaftspolitik der EU. Nicht zuletzt seien das angerenzende Russland und Weißrussland bedeutende wirtschaftliche Partner.
Rainer Schubert

2. März 2011"Focus on europe" zu Besuch inder georgischen Botschaft

Botschafterin mit Migrationshintergrund

Botschafterin mit Migrationshintergrund, Gabriela von Habsburg, informierte sehr tempramentvoll über Politik, Geschichte und Leben in Georgien. Foto: M. Jurisch

    „Von Berlin nach Tiflis ist es genau so weit wie nach Lissabon.“ Damit wollte I. E. Gabriela von Habsburg, die Botschafterin Georgiens in Berlin, die Nähe ihres Landes zur Europäischen Union deutlich machen. Die EU-Mitgliedschaft, ebenso wie die in der NATO, bleibe ein Ziel georgischer Außen- und Sicherheitspolitik, das aber nicht in kurzer Zeit zu erreichen sei.
   Wäre Georgien bereits jetzt Mitglied der NATO, sagte die Botschafterin am 24. 2. 2011 in der Februar-Runde der Gesprächsreihe „Focus on Europe“ gegenüber 40 Kolleginnen und Kollegen, hätte es den bewaffneten Konflikt mit Russland 2008 so nicht gegeben. Denn der große Nachbar hätte sich gehütet, mit einem NATO-Land Krieg zu führen.
   Der Kaukasusstaat, mit ca. 70.000 qkm etwa so groß wie Bayern, aber viel geringer bevölkert (ca. 4,4 Mio. Georgier in Vergleich zu über 12 Mio. Bayern), bietet trotz dieser geringen Größe eine Menge an Besonderheiten: 1.000 endemische Pflanzenarten, selten gewordene Tierarten, Küste mit subtropisch-feuchtem und Gebirge mit kontinentalem Klima, eine eigene Schrift, eine der ältesten christlichen Kulturen und eine der weltweit längst dauernden Weinbautraditionen. Es gelang der Botschafterin (akkreditiert seit 22. März 2010), die seit 2001eine Professur an der Kunsthochschule von Tiflis innehat, Lust auf ihr Land zu machen, dessen Staatsbürgerschaft sie seit 2007 besitzt, also eine „Georgierin mit Migrationshintergrund“ ist, wie sie es selbst ausdrückte.
   Die Regierungsübernahme durch Präsident Saakaschwili mit der Rosenrevolution vom November 2003 habe dem Land bedeutende Fortschritte gebracht. Insbesondere die Korruption sei erheblich eingedämmt worden. Mit einer Verbesserung im entsprechenden Transparency International-Ranking um 100 Plätze stehe Georgien 2010 auf Platz 1, was den Verringerungsgrad der Korruption angeht. Auch im aktuellen „Doing Business Report 2011“ der Weltbank nehme Georgien den ersten Platz in der Region Osteuropa/ Zentralasien ein. Elemente erfolgreicher, reformorientierter Wirtschaftspolitik seien u. a. eine umfassende Steuerreform mit einer Flat Tax von 20 Prozent und einer Reduzierung der Steuerarten sowie der Ausbau einer Freihandelszone um den Schwarzmeerhafen Poti.
   Eine entscheidende und noch nicht abschließend gelöste Frage sei, wie die Botschafterin erläuterte, das Verhältnis zum russischen Nachbarn, der nach wie vor Abchasien und Südossetien besetzt halte. Von dort wurden 500.000 Georgier vertrieben, die in Behelfssiedlungen in Georgien und in größtmöglicher Nähe zu ihren Heimatorten leben. Eine Annäherung zwischen Süd- und Nordosseten werde mit Hilfe intensivierter Ausbildung versucht. Den sog. Genfer Gesprächen, dem einzigen, 2008 mit EU, UN und OSZE eingerichteten Gesprächsforum  über die umstrittenen Gebiete, bleibe Russland fern. Auch internationalen Beobachtern werde der Zutritt zu Abchasien und Südossetien verwehrt. Auf einen russischen Rückzug hege man aber immer noch Hoffnung. „Mit Interesse“, so die Botschafterin, werde in Georgien der Ausbau der nahe gelegenen russischen Schwarzmeer-Sommerfrische Sotschi zum olympischen Wintersportort 2014 beobachtet.
   Sicherheit bleibt also ein wichtiger Faktor georgischer Politik. Eine Beitrittsperspektive zur NATO wurde beim NATO-Gipfel in Lissabon 2010 bestätigt. International engagiert ist Georgien bereits bei der ISAF- Mission in Afghanistan, auch in den Irak hatte das Kaukasusland Truppen entsandt. Die Annäherung an die EU manifestiert sich in der Zugehörigkeit zum Programm der Östlichen Partnerschaft.
Rainer Schubert

 

8. Februar 2011

„Australia Day“ in der ehemaligen KPD-Zentrale von Walter Ulbricht

Gesprächsrunde mit Botschafter Peter Tesch, im Bild links. Foto: B. Lammel

    Am 26.Januar 2011 versammelten sich rund 40 Kolleginnen und Kollegen des Fachausschusses Europa im DJV Berlin in der australischen Vertretung mit Botschafter Peter Tesch zur ersten Gesprächsrunde „Focus on Europe“ des neuen Jahres. Erstmalig erhielt die Gesprächsreihe das Privileg, exakt am Nationalfeiertag eines Landes mit dem Botschafter zu sprechen und dessen einzige Gäste zu sein.
   Das Haus in der Wallstraße 76 hat Geschichte: Es diente 1945 der aus Moskau zurückgekehrten „Gruppe Ulbricht“ als Hauptquartier und bis zur Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED 1946 als KPD-Zentrale. Mit dem Erwerb dieses großen, repräsentativen Gebäudes in einem der ältesten Stadtteile Berlins leistete Australien mit dem Umzug von Bonn nach Berlin auch einen bedeutenden Beitrag zur Stadtreparatur.
   Für Australien haben die Beziehungen zu Deutschland in der letzten Zeit stark an Bedeutung gewonnen, sagte Botschafter Peter Tesch, der in fließendem Deutsch Rede und Antwort stand, hat er doch seine Wurzeln in Deutschland: seine Mutter wanderte aus der Oberpfalz aus, die väterlichen Vorfahren stammen aus der Uckermark. Unter dem damaligen Premierminister Kevin Rudd, gegenwärtig Außenminister, sei seit 2009 Deutschland stärker in den Fokus der australischen Politik gerückt.
   Die Zusammenarbeit konzentriere sich besonders auf Fragen der Energie, der Wissenschaft und der Forschung. Aber auch Politik und Wirtschaft seien nicht ausgenommen. Die gemeinsamen Interessen seien nicht zuletzt durch den Rohstoffreichtum Australiens begründet, in dessen Boden große Vorkommen u. a. an Kohle, Erz, Uran, Gold und Seltenen Erden lagern. Ebenso bestehe Interesse an der Zusammenarbeit bei alternativen Energien. So habe das Fraunhofer-Institut ein Memorandum of Understandig zum Thema Solarenergie unterzeichnet.
   Mehrere Fragen befassten sich mit dem Umgang Australiens mit den Aborigines, die in der australischen Gesellschaft lange ausgegrenzt waren. Auch hier habe Ex-Premier Rudd eine bedeutende Wende eingeleitet, als er 2008 in seiner Antrittsrede vor dem Parlament eine „National Apology“ ausgesprochen habe. Es bleibe aber, so der Botschafter, noch einige Aufarbeitungsarbeit zu leisten. Immerhin aber, so scheint es, besinnt man sich auf die Kultur der Aborigines, indem man ihre Kultur nun positiv sieht und sich sogar auf sie beruft, denn, so Botschafter Tesch, Australien könne auf die älteste noch lebende Kultur verweisen, nämlich die Aborigines, die auf eine ca. 50.000-jährige Erbschaft zurückblicken können.
   Am 26. Januar 1788 landeten die ersten elf Schiffe der  britischen „First Fleet“ mit Siedlern und Verurteilten unter der Führung von Arthur Phillip an der australischen Ostküste. Sie nannten die neue Ansiedlung Sydney, zu Ehren des damaligen britischen Innenministers Lord Sydney. Nach der Unabhängigkeit der USA wurde Australien der neue bevorzugte Bestimmungsort für Sträflinge und Auswanderer. Seither ist der 26. Januar als „Australia Day“ der Nationalfeiertag des fünften Kontinents. Als Einwanderungsland lebe Australien vom „Multikulturalismus“, wie es der Diplomat nannte.
   Obgleich Australien durch seine Einwanderungsgeschichte europäisch geprägt ist (allerdings nehmen Einwanderungsströme aus den asiatischen Länden zu), ist es ein Land, dessen sicherheitspolitische Interessen in der Asien-Pazifik-Region zu verorten sind. Wichtigster Verbündeter ist seit dem Zweiten Weltkrieg der Pazifikstaat USA, nächster Nachbar ist Indonesien. Wichtig sei daher, betonte der Botschafter, die Kooperation mit den ASEAN-Staaten. Australien ist Mitglied des East Asian Summit. Von Bedeutung sei auch der Faktor China, auf den Australien eine positive Sicht habe, dessen Einbindung in die G-20-Staaten zu begrüßen sei. Die Beziehung zu Europa werden dadurch aber nicht vernachlässigt: Australiens Marine hat U-Boote in Deutschland geordert.  
   Damit sind wir wieder bei den Beziehungen zu Deutschland, die noch gar nicht so alt sind. Erstmalig 1912 besuchte ein australischer Diplomat Berlin, der damalige High Commissioner in London. Erst seit 1952 ist der Pazifikstaat mit einer eigenen Botschaft in Deutschland vertreten.
Rainer Schubert

8. Dezember 2010Zu Gast bei Japans Botschafter Dr. Takahiro Shinyo

Ohne Vertrauen keine Außenpolitik

Rainer Schubert (lks.) im Gespräch mit Botschafter Dr. Takahiro Shinyo. Bild unten: Maksut Kleemann, Vors. des FA, erleutert dem Botschafter das überreichte Buch über die Geschichte des DJV Berlin. Fotos: kaj

    Ohne Vertrauen könne man keine Außenpolitik betreiben, sagte Japans Botschafter Dr. Takahiro Shinyo zu Beginn des Dezember-Termins der Gesprächsreihe „Focus on Europe“, auf die aktuelle Diskussion um die Wikileaks-Veröffentlichungen US-amerikanischer diplomatischer Depeschen eingehend. Dieser Vorgang bedeute einen Vertrauensverlust.
   Auch die Lösung der gegenwärtigen Finanzkrise habe mit Vertrauen zu tun. Man könne auch in der Politik den Satz des Ökonomen Adam Smith anwenden, wonach jedwedes Geschäft auf Sympathie beruhe, also auf Vertrauen.
   Über sechzig Kolleginnen und Kollegen waren am 2. Dezember in die weiträumige japanische Residenz an der Berliner Tiergartenstraße gekommen, um am Vorabend der Feierlichkeiten zu den 150-jährigen deutsch-japanischen Beziehungen vom Deutschland-Kenner Dr. Shinyo mehr über „Japans Rolle in Asien und der multipolaren Welt“ zu erfahren.
   Japans außenpolitische Strategie fuße auf den Prinzipien des Bündnisses mit den USA, der ostasiatischen Gemeinschaft und der Global Governance. Gemeinsam mit Japan könne Deutschland stolz darauf sein, seit Jahren so gut wie kriegsfrei zu sein. Mit den USA habe Japan im ablaufenden Jahr das 50-jährige Jubiläum des gemeinsamen Sichervertrages gefeiert. Einziges Problem bleiben die US-Stützpunkte auf Okinawa, die für die eine Million Insel-Bewohner eine Belästigung durch Fluglärm darstellen. Eine Lösung durch Verlegung der Stützpunkte ist nur gemeinsam mit den USA zu finden, gegenwärtig aber leider nicht absehbar.
   Eine ernste Bedrohung stelle das nordkoreanische Nuklearprobem dar, dem man sehr energisch aber gewaltfrei begegnen müsse. Die nordkoreanische Beschießung  der südkoreanischen Insel Yonpyong, bei der auch Zivilisten ums Leben kamen, stelle einen gravierenden und ernsten Vorfall dar, der präventive Maßnahmen und keine Beschwichtigungen erfordere. China als ständiges Mitglied des UN-Weltsicherheitsrates komme dabei eine besondere Bedeutung zu. Die koreanische Halbinsel müsse beruhigt werden, denn in der Geschichte habe es schon häufig Krisen wegen dieser Region gegeben.
   Weitere außenpolitische Streitpunkte Japans betreffen die Senkaku-Inseln und die südlichen Kurilen, von Japan „Nördliche Territorien“ genannt. Die Zugehörigkeit der unbewohnten  Senkaku-Inseln zu Japan wird seit 1970 von China und Taiwan angezweifelt, seit auf dem Festlandsockel des Ostchinesischen Meeres Erdölvorkommen entdeckt wurden. Nach japanischer Auffassung sind die Senkaku-Inseln immer japanisches Territorium gewesen, was durch den Friedensvertrag von San Francisco auch nicht bestritten wird.
   Eine neue Dimension der Instabilität hat sich in der Kurilenfrage ergeben, nachdem Dimitri Medwedjew kürzlich als russischer Präsident die Inseln besucht hat. Japan hat an einer Eskalation dieser ernsten Frage aber kein Interesse.
   Bündnispoltisch ist für Japan eine Erweiterung der ASEAN + 3 und der ASEAN +6 Gespräche zu einer ASEAN +8-Konstellation interessant, ein East Asian Summit (EAS) zu dem auch Russland gehören sollte. Dieses von den japanischen Premierministern Kouzumi und Hatoyama vorgeschlagene bzw. erneuerte Konzept stelle eine Funktionsgemeinschaft für die Bereiche der Wirtschaft, Investitionen, Bildung u. a. dar.
   Botschafter Dr. Shinyo wies darauf hin, dass Barack Obama, bedingt durch seine Biographie, als erster US-Präsident eine deutliche Affinität für die Asien-Pazifik-Region gezeigt habe. Besuche in Indien, Indonesien, China, Korea und Japan haben bereits auf seinem Programm gestanden. Ein japanisch-amerikanischer Sicherheitspakt sei ein Fundament für die Sicherheit der Region. Das Ziel heiße Asian Entente.
   Auf der außenpolitischen Agenda Japans steht eine Reform des UN-Weltsicherheitsrates, die Japan schon 1992 mit seinen Vorschlägen angestoßen habe. Zu den G8- und G20-Gesprächen merkte der Botschafter an, dass die G8-Gruppe im Unterschied zu den G20-Staaten von gleichen Prinzipien hinsichtlich Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit und als Entwicklungshilfegeber geleitet sei. Auch in Sicherheitsfragen gebe es bei den G20-Mitgleidern unterschiedliche Interessen. Man könne also in diesem Forum nicht alle Fragen lösen.
   Mit der EU teile Japan eine Wertegemeinschaft. Anzustreben sei ein Economic Partnership Agreement, das mehr als eine Freihandelszone sein müsse, für die es noch keine einheitliche Haltung Europas, aber die Unterstützung Deutschlands gebe. Botschafter Dr. Shinyo machte darauf aufmerksam, dass es in Japan keine Einfuhrzölle für europäische Produkte gebe, wohl aber in europäischen Ländern für japanische Produkte. Es sei festzustellen, dass die Europäer in der letzten Zeit mehr zu Japans Nachbarn geblickt haben, doch erkennen sie dort neben den Chancen auch die Risiken.
   In der gegenwärtigen Finanzkrise wünscht sich Japan einen stabilen Euro, um die weitere Verteuerung der eigenen Währung  zu vermeiden und damit die Exporte nicht weiter zu gefährden. Das Problem des ostasiatischen Inselstaates seien die zu hohe Yen-Bewertung und die Deflation.
   Zu Deutschland werden die Beziehungen 2011 sicherlich neue Impulse durch die 150-Jahr-Feierlichkeiten der gemeinsamen offiziellen Beziehungen erfahren. Die Eröffnung wird im Berliner Haus der Kulturen der Welt durch eine No-Theateraufführung am 19. Januar stattfinden. Die Beziehungen gehen auf den japanisch-preußischen Schifffahrts-, Handels- und Konsularvertrag vom 24. Januar 1861 zurück. Für den Deutschlandkenner Dr. Shinyo, der nicht nur zum vierten Mal in Deutschland auf Posten ist, sondern auch in Göttingen studiert hat, ist es ein besonderes Vergnügen, gerade jetzt Botschafter seines Landes in Berlin zu sein. Siehe auch >>> http://www.euractiv.de/sicherheit-und-verteidigung/artikel/auf-japans-prioritatenliste-steht-europa-nicht-ganz-oben-004031

 Rainer Schubert

 

12. November 2010Gesprächsreihe „Focus on Europe“ mit dem brasilianischen Botschafter

Botschafter Everton Vieira Vargas: „Die Weltwirtschaft sei mithin kein exklusiver Club mehr.“

Botschafter Everton Vieira Vargas Foto: kaj.film

   Ein besserer Zeitpunkt für das jüngste Gespräch in der Reihe „Focus on Europe“ mit dem Botschafter Föderativen Republik Brasilien ließ sich nicht denken: Am 4. November, vier Tage nach der Präsidentschaftsstichwahl, erfuhren 30 Kolleginnen und Kollegen des Fachausschusses Europa von Botschafter Everton Vieira Vargas die jüngsten Entwicklungen im größten Land Lateinamerikas.
   Die Stichwahl habe in einer besonderen Situation stattgefunden, eröffnete der Botschafter das Gespräch: Zu einem Zeitpunkt, da sich Brasilien in einer wirtschaftlich guten Lage befinde und die Schwellenländer zu wesentlichen Akteuren in Politik und Wirtschaft aufgestiegen seien ist mit Dilma Rousseff erstmalig eine Frau Präsidentin des Landes geworden. Die Weltwirtschaft sei mithin kein exklusiver Club mehr.
   Der Botschafter fasste den Wandel der letzten Jahre, den Aufstieg der Schwellenländer, so zusammen: Es gebe eine neue, universalistische Außenpolitik; der Aufstieg mehrerer Schwellenländer bedeute für Brasilien z. B. eine Vervierfachung des Handels mit den arabischen und eine Verfünffachung mit den afrikanischen Ländern. Das neue Gewicht der Schwellenländer erfordere eine Anpassung in der Besetzung der UN-Gremien. Brasilien strebe nach einem ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat, in dem repräsentativ für andere Regionen auch Südafrika, Indien und Deutschland vertreten sein sollten.
   Man befinde auch an einem guten Zeitpunkt der deutsch-brasilianischen Beziehungen, so Botschafter Vargas. Nach China sei Brasilien das zweitwichtigste Zielland deutscher Auslandsinvestitionen, 300 deutsche Unternehmen seien hier vertreten. In São Paulo, dem größten deutschen Industriestandort außerhalb Deutschlands, haben deutsche Unternehmen 250.000 Arbeitsplätze geschaffen. Klimawandel, Armutsbekämpfung, Energie, Infrastruktur, Biovielfalt sowie öffentliche Sicherheit und Verteidigung seien zukunftsfähige Felder der Zusammenarbeit.
   Auf das Thema Umwelt und Klima ging der Botschafter detaillierter ein, da es für Brasilien von besonderer sei. Zu den Aufgaben des Landes gehöre, zur Reduzierung der Treibhausgase beizutragen: Die Rodung des Regenwaldes sei bereits zurück gegangen. Der Umweltschutz liege im strategischen Interesse des Landes, denn Brasilien verfüge über 20 bis 25 Prozent der weltweiten Biovielfalt.
   Zu den weiteren wichtigen Schwerpunkten der brasilianischen Politik gehöre nach wie vor die Armutsbekämpfung, die fortgesetzt und intensiviert werde. Für 30 Millionen Menschen konnte die bisherige Politik bereits die wirtschaftliche Lage verbessern. Die Vergabe von Mikrokrediten zur Gründung kleiner Gewerbe habe sich als erfolgreich erwiesen. Die Zukunft gehöre der Entwicklung der ländlichen Gebiete. Das Land, das 47 Prozent der Fläche Südamerikas einnimmt, bestehe nicht nur aus großen Städten, wie Rio de Janeiro, São Paulo oder Santos, sondern aus 500.000 Gemeinden.
   Der weitere Ausbau Brasiliens gelte auch der Bildung und der Verkehrsinfrastruktur. Es gebe Bildung für jedermann, Schulspeisungs- und Schulbuchprogramme seien die umfangreichsten weltweit, doch gehe es in der Zukunft um die Stärkung der qualifizierten Bildung. Zur Stabilisierung und Erhöhung der wirtschaftlichen Stärke bedürfe es einer Verbesserung der Verkehrswege. Der Botschafter wartete zur Veranschaulichung mit dem Beispiel auf, dass der Transport von Soja aus dem Westen des Landes zu den Häfen an der Küste im Osten teurer sei also von dort nach China. Auch hier sieht Botschafter Vargas ein gutes Betätigungsfeld für deutsche Unternehmen.
   Zugleich prophezeite der Botschafter Entwicklungsschübe für ein Land durch die Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaft 2014 und der olympischen Sommerspiele 2016.
   Die neu gewählte Präsidenten Dilma Rousseff habe sich für ihre Amtszeit ein 13-Punkte-Programm vorgenommen. Dazu gehören: höhere Beschäftigung, höhere Einkommen; Armutsbekämpfung; Bildung und soziale Gleichheit; Gesundheit für alle, Forschung und Technologie; Sicherheit der Bürger; Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung - selbstbewusstes Auftreten Brasiliens.                                                                                     Rainer Schubert

 

13. Oktober 2010Focus on Europe: Besuch beim finnischen Botschafter Harry Helenius

Finnland ist nicht mehr neutral

Gesprächsrunde in der finnischen Botschaft Foto: kaj

   Finnland hat die weltweite Wirtschaftskrise recht gut überstanden. Das konnte Botschafter Harry Helenius den 20 Kolleginnen und Kollegen berichten, die zum „Focus on Europe“-Gespräch am 5. Oktober in die finnische Botschaft gekommen waren.
   Zwar sei infolge der Wirtschaftskrise das Nationaleinkommen um acht Prozent geschrumpft (der höchste Wert seit der Staatsgründung 1917), doch gebe es in der Privatwirtschaft wieder Wachstum. 2,9 Prozent werden für 2011 prognostiziert. Finnland sei deswegen glimpflich davon gekommen, weil man aufgrund einer Rezession Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre den Bankensektor reformiert habe. Weitere Wirtschaftsdaten, die Botschafter Helenius nannte: 8,6 Prozent geschätzte Arbeitslosenquote für 2010; 1,4 Prozent erwartete Inflation 2011; 40 Prozent des finnischen Bruttoinlandsprodukts werden durch den Export erwirtschaftet, und zwar durch die Branchen: 1. High-Tech, 2. Maschinenbau, 3. Holz und Papier.
   Damit kam das Gespräch beim Stichwort Nokia an, heute ein Synonym für Finnlands Erfolg in Wirtschaft und Bildung. Mit Nokia wurde Finnland zum High Tech-Land. Die früher führende Holz- und Papierindustrie wurde dadurch (s.o.) auf Platz drei der Exportstatistik verwiesen. In Deutschlands hatte der gute Ruf des finnischen Vorzeigeunternehmens durch die Schließung des Werks in Bochum und seine Verlegung nach Rumänien gelitten. Es sei ein üblicher Vorgang, sagte dazu Botschafter Helenius, dass ein Unternehmen ein Werk dicht mache, bevor es rote Zahlen schreibe, räumte aber politische Ungeschicklichkeit dabei ein.
   Mit der bestehenden technologischen Marktführerschaft Nokias, so der Botschafter weiter, habe Finnland aber seine Probleme nicht gelöst. Ein kleines, rohstoffarmes Land müsse sich ständig darum bemühen, mit High Tech-Wissen vorn zu bleiben, um gegenüber dem Wettbewerb vor allem aus asiatischen Ländern zu bestehen. Daher lege man in Finnland Wert auf Bildung. 60 Prozent aller Finnen erreichen das Abitur. Und im Unterschied zu Deutschland werden die Bildungskosten pro Kopf überall in gleicher Höhe angesetzt, unabhängig von Grundschule oder Gymnasium. Nicht zu unterschätzen sei in Finnland übrigens auch der hohe Anteil der älteren Bevölkerung. Die Erhöhung des Renteneintrittsalters werde gegenwärtig diskutiert.
   Die Nachbarschaft zu Russland bleibt auch nach dem Ende der politischen Blöcke in Europa ein wichtiges Thema für Finnland. Mit seinem EU-Beitritt hat das Land seine Neutralität aufgegeben, ein Beitritt zur NATO, sei aber, so der Botschafter, gegenwärtig kein Thema. Auch wenn die Zustimmung dazu in der Bevölkerung bei nur 20 Prozent liege, sei das Thema aber nicht erledigt.
    Es könne aber konstatiert werden, so der Russlandkenner Helenius (20 Jahre seines diplomatischen Berufslebens hat er sich in Helsinki, Moskau und St. Petersburg mit Russland beschäftigt , zuletzt bis zu seiner Versetzung nach Berlin als Botschafter), dass die Beziehungen zum östlichen Nachbarn Finnlands so gut wie noch nie seit 1917 seien. Früher beherrschten Sicherheitsprobleme die nachbarschaftliche Agenda, heute seien es die üblichen grenzüberschreitenden Handels- und Infrastrukturfragen. 700 Visa werden jährlich für russische Geschäftsreisende und Touristen ausgestellt und solche, die via Finnland in den Schengenraum einreisen möchten.
   Im April 2011 wird Finnland die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wenn Parlamentswahlen anstehen. Interessanterweise hat sich auch im Nordosten Europas eine kleine populistische Partei etabliert, die sich des Immigrantenthemas angenommen hat. Vier bis fünf Prozent betrage die Zuwanderquote in Finnland, und die gegenwärtige Zustimmungsrate für die Partei pendle gegenwärtig um zwölf Prozent. Die etablierten Parteien nehmen sich nun beim Wettbewerb um Wählerstimmen ebenfalls des Themas an. Botschafter Helenius sagte, dass Deutschland bei diesem Thema ein wichtiger Gesprächspartner sei.
Rainer Schubert

 

1. Oktober 2010Focus on Europe mit S. E. Dilshod Akhatov, Botschafter der Usbekischen Republik

Usbekistan: Entideologisierung im eigenen Land, Stadtreparatur in Berlin

Nach dem offiziellen Teil wurden die Themen in gemütlicher Runde vertieft. Foto: kaj

   Usbekistan hat sich seit seiner Unabhängigkeit am 31. August 1991 einen völligen Wandel verordnet, wie Botschafter Dilshod Akhatov in seinem Eingangsstatement den über vierzig Kolleginnen und Kollegen des Fachausschusses Europa erklärte. Am 9. September 2010 fand die jüngste Gesprächsrunde von Focus on Europe in der Botschaft des zentralasiatischen Landes statt.
  
Zum Prozess des Wandels gehöre die Entideologisierung der Politik nach dem Ende der Sowjet-Union und zum anderen, um den neu gegründeten Staat zu entwickeln, das Primat der Wirtschaft unter vorübergehender Führung des Staates, solange bis privatwirtschaftliche Strukturen etabliert seien. Dies werde in der Zeit des Übergangs begleitet von einer starken sozialen Komponente.
   Zu den weiteren Prinzipen des neuen Staates, so der Botschafter weiter, gehören die Marktwirtschaft und die Gewaltenteilung. Auf Fortschritte verwies er im Rechts- und Strafvollzugssystem hin. Usbekistan hat die Todesstrafe abgeschafft, mit Ausnahme der Tatbestände des Mordes und des Terrorismus.
   Wirtschaftlich gehe es aufwärts: acht Prozent betrug das Wirtschaftswachstum 2008 und immerhin noch 8,1 Prozent im Krisenjahr 2009. Für 2010 werden 8,5 Prozent Wirtschaftswachstum prognostiziert. Gefördert werde der Mittelstand, die Dienstleistungsbranche und die Heimarbeit.
   130 Ethnien leben im Binnenstaat Usbekistan, der (als einziger neben dem Fürstentum Liechtenstein) seinerseits ausschließlich von Binnenstaaten umgeben ist. 65 Prozent der Bevölkerung ist unter 30 Jahre alt. Viel Geld wurde mit Erfolg in das Bildungs- und das Gesundheitswesen investiert. 35 Prozent des Budgets seien für Bildung, 15 Prozent für den Gesundheitssektor reserviert.
   Die Beziehungen Usbekistans zu Deutschland, zur EU und zur NATO , so Botschafter Akhatov, seien sehr wichtig, Russland ist aber nach wie vor der wichtigste Außenhandelspartner. Die Mitgliedschaft in der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (der auch noch Tadschikistan, Kirgistan, Kasachstan sowie Russland und China angehören; Indien, Pakistan, Iran und die Mongolei haben Beobachterstatus) bedeute keine Abgrenzung zur NATO, den USA oder der EU.
   Die Wiederbelebung der historischen Seidenstraße habe die Internationalität des Binnenstaates gefördert. Transport und Logistik gehören daher zu den wichtigen Wirtschaftszweigen des Landes.
   Nicht weniger bedeutend sei der Tourismus, denn Usbekistan verfüge über mehrere besonders geschichtsträchtige Städte, wie die Hauptstadt Taschkent (über 2200 Jahre alt), Buchara (mehr als 2500 Jahre alt) und Samarkand, das mit seinen 2750 Jahren Stadtgeschichte zu einer der ältesten Städte der Welt zählt.
   Zur Sprache kamen in der anschließenden Debatte das Thema des austrocknenden Aralsees und der ethnischen Unruhen in Kirgistan im vergangenen Sommer. Die Umweltkatastrophe des Aralsees sei, so der Botschafter, ein ernstes und schwer zu lösendes Problem, in das schon eine Milliarde US-Dollar investiert worden sei.
   Die Zusammenstöße zwischen ethnischen Usbeken und Kirgisen im südlichen Kirgistan seien auf ausländische Aktivitäten zurückzuführen. Und in Verhandlungen mit der neuen Regierung in Kirgistan habe man erreicht, dass den Rückkehrwilligen Kirgisen mit ethnisch-usbekischem Hintergrund eine angemessene Unterkunft und Verpflegung bereitgestellt werde.
   Zum Abschluss des Besuchs führte Botschafter Akhatov die Mitglieder des Fachausschusses Europa durch seine Botschaft. Die ist insofern bemerkenswert, als Usbekistans mit dem Kauf und der Renovierung des denkmalgeschützten Gebäudes an der Perleberger Straße im ehemaligen Bezirk Tiergarten innerhalb der neuen Berliner Botschaftslandschaft einen besonderen Beitrag zur Stadtreparatur geleistet hat. Das 1878 bis 1881 als Offiziersspeiseanstalt errichtete Gebäude, das 1934 durch die Hinzufügung eines Ballsaals als Ballhaus ein bekannter Vergnügungsort war, stand seit den neunziger Jahren leer und drohte restlos zu verfallen. Die Eröffnung als usbekische Botschaft 2001 verhinderte dieses Schicksal.
Rainer Schubert

29. Juli 2010"focus on europe" beim belgischen Botschafter

„Unsere Agenda ist Europa“

Botschafter Mark Geleyn
Wie immer bei "focus on europe": Interessierte Zuhörer - Fotos: kejfilm

   „Wir haben keine eigene Agenda. Unsere Agenda ist Europa“ Das ist die Kernaussage des Botschafters des Königreichs Belgien in Berlin Mark Geleyn, im Gespräch ca. 40 Kolleginnen und Kollegen des DJV  Berlin.  

   Das Programm der belgischen Ratspräsidentschaft ist die Ausführung des Lissabon-Vertrages. Es werde darauf ankommen, die neuen EU-Institutionen arbeiten und sie ihr neues Gleichgewicht finden zu lassen, so der Botschafter weiter während der DJV Gesprächsreihe „focus on europe“ des Fachausschusses Europa am 29. Juli. Am Jahresende, wenn Belgien seine Ratspräsidentschaft weitergebe, müsse der neu geschaffene Europäische Auswärtige Dienst (EAD) funktionieren. Die nationalen Positionen der jeweiligen Ratspräsidentschaftsländer müssen verschwinden, so Botschafter Geleyn. Es hörte sich so an, als wolle Belgien hiermit auch ein Zeichen setzen für die Länder, die ihm in der EU-Ratspräsidentschaft nachfolgen. 

   Wichtiges EU-Thema zurzeit sei die Wirtschaftskrise. Belgien habe schon 2008 Vorschläge für eine Wirtschaftsregierung innerhalb der EU unterbreitet, die aber nicht ernst genommen worden seien. Jetzt, da die Krise da sei, kommen ähnliche Vorschläge wieder auf die Agenda. Dies zeige erneut, so Botschafter Geleyn, dass Fortschritte immer die Folgen von Krisen seien. Wolle man eine EU-Wirtschaftsregierung installieren, zeige dies aber, dass es innerhalb der EU-Mitgliedsländer unterschiedliche Entwicklungsniveaus gebe. Zum einen dürfe man keine Mitgliedschaften unterschiedlicher Klassen einführen, andererseits dürfe „der Zug nicht im Bahnhof stehen bleiben, weil einer nichtfahren will“. Die Einführung der Schengen- und der Eurozone habe aber gezeigt, dass Kompromisse möglich seien. 

   Gefragt nach der Vorbildfunktion der EU für andere Regionen der Welt, meinte der Botschafter, dass eine Vorbildfunktion nur erfolgreich sein könne, wenn sie mit Macht verbunden sei. Die EU-Mission „Atalanta“ (Europäische Anti-Piraterie-Mission im Golf von Aden) sei leider keine Demonstration von Macht. 

   Als eine Gefahr für Europa betrachtet der Botschafter die Indifferenz der Bürger gegenüber der EU. Dies gelte auch für Politiker, die bei Misserfolgen, „Brüssel“ verantwortlich machen.
Rainer Schubert

 

17. Juni 2010„Focus on Europe“: Gespräch mit dem afghanischen Geschäftsträger Abed Nadjib

„Es hat strukturelle Fehler beim Aufbau gegeben“

Geschäftsträger Abed Nadjib. - Bild oben - rechts - Bild unten: Der Konferenzraum der Botschaft war fast zu klein für die Besucher. Fotos: kayfilm</>

   Bereits die starke Präsenz der Journalisten in seinem Haus zeige die Wichtigkeit des Themas Afghanistan. Das unterstrich gleich zu Beginn der neuesten Gesprächsrunde „Focus on Europe“, Abed Nadjib, Geschäftsträger der Islamischen Republik Afghanistan in Berlin. Über 40 Kolleginnen und Kollegen waren am 17. Juni in der afghanischen Botschaft zusammen gekommen, um sich über neueste Entwicklungen aus dem Land am Hindukusch zu informieren.
  
Seit 1969 arbeitet der 1949 in Kabul geborene Diplomat für sein Land, von Deutschland aus, und zwar u. a. über die Hilfsorganisation „Help“ und durch die Gründung der Deutsch-Afghanischen Gesellschaft“ 2005 in Berlin. Zu Deutschland seien die Beziehungen traditionell besonders eng und freundschaftlich. Der Geschäftsträger führte die Gründung der deutschen Schule 1923  in Kabul an und hob hervor, dass sich Deutschland nie in die inneren Angelegenheiten seines Landes eingemischt habe.
   Nadjib wagte die These, dass der 2001 gestartete Petersberger Dialog schon 1994 hätte beginnen müssen. Man hätte dadurch möglicherweise einen 11. September 2001 vermeiden können.
   Dennoch verwies er auf die Fortschritte, die sein Land gemacht habe, z.B. gebe es seit 2001 eine stabile Währung, und die Zahl der Kinder, die eine Schule besuchen, habe ganz erheblich zugenommen. Außerdem seien im Land Wahlen durchgeführt worden. Terrorismus, bemerkte der Geschäftsträger, lasse sich nicht mit dem Koran vereinbaren. Zudem verwies er auf die Korruptionsbekämpfung. Erst kürzlich seien zwei Staatssekretäre wegen Korruption vor Gericht gestellt worden.
   Nadjib würdigte die deutsche Unterstützung beim Polizeiaufbau Afghanistans, räumte aber ein, dass es dabei strukturelle Fehler gegeben habe. Er stimmte auch der Meinung zu, dass es besser sei, mehr Geld für den Wirtschaftsaufbau als für Soldaten auszugeben. Für die journalistische Arbeit lobte Nadjib die Zusammenarbeit der Deutsche Welle Akademie mit dem Auswärtigen Amt. Im Interesse des weiteren Aufbaus Afghanistans, betonte der Geschäftsträger, dass die Türen seines Landes für Exil-Afghanen weit offen stehen.
   Ist die westliche Demokratie die passende Staatsform für Afghanistan, lautete eine der entscheidenden Fragen von FA-Vorsitzenden Maksut Kleemann: Sein Land, so der Geschäftsträger, sei traditionell zentral regiert. Daher solle man diese Strukturen auch beibehalten und die Entscheidung darüber den Afghanen überlassen.
   Wichtig für Afghanistan sei auch die Unterstützung durch die Nachbarländer. Für das Funktionieren der Region müssten sie ein Interesse an einem gesunden Herzen haben und Afghanistan liege im Herzen Asien.
   Um ein anderes Afghanistan-Bild als das durch die Schlagzeilen bekannte zu vermitteln, verwies der Geschäftsträger auf die soeben in der Bundeskunsthalle Bonn eröffnete Ausstellung „Afghanistan. Gerettete Schätze“. Bis zum 3.Oktober werden dort Objekte aus dem Nationalmuseum in Kabul gezeigt. Damit wird auf ein vergessenes Problem Afghanistans hingewiesen, nämlich seine reiche Kultur und deren Vernachlässigung. Auch dem Erhalt der Schätze Jahrhunderte alter Kulturgüter sollte die Hilfe für Afghanistan gewidmet werden, waren sich der Diplomat und die Journalisten einig.
Rainer Schubert

 

15. Mai 2010 Gesprächsrunde „Focus on Europe“:

Estland - Einziger Eurokandidat 2011

Botschafter Dr. Laanemäe Foto: kaj.film

    Seit dem 15. Mai 1920 unterhält Estland seine Botschaft im eigenen Haus in der Hildebrandtstraße 5 in Berlin. Die Geschichte dieses Gebäudes -  eines der wenigen, das den Zweiten Weltkrieg im Diplomatenviertel am Tiergarten unbeschadet überstanden hat - verkörpert zugleich die höchst wechselvolle Geschichte der baltischen Republik während der letzten neunzig Jahre:
    Eigentumserwerb nach Erlangung der Unabhängigkeit, Übertragung an die Sowjetunion nach der Okkupation, Nutzung und spätere Räumung durch Nazi-Deutschland, komplizierte Rechtslage im britischen Sektor West-Berlins, Wiedereinsetzung in das alte Eigentumsrecht nach der deutschen Wiedervereinigung und erneute Nutzung als Botschaft seit 2001.
    Anhand dieser Gebäudegeschichte machte Botschafter Dr. Mart Laanemäe, Hausherr seit 27. 8. 2008, zum Beginn der Gesprächsrunde „Focus on Europe“ am 27. Mai die etwa 30 Kolleginnen und Kollegen mit seinem Land vertraut.  
    Estland sorgt in der gegenwärtigen globalen Finanzkrise für eine der wenigen erfreulichen Nachrichten. Als einziges Land wird es 2011, am 1. Januar, der Eurozone beitreten. Nach der Bewertung der EU-Kommission erfüllt es die Maastrichter Kriterien. Der Euro, so Botschafter Dr. Mart Laanemäe, sei – ebenso wie die Freizügigkeit – ein konstitutiver Bestandteil des Binnenmarktes.    
    Das baltische Land, das übrigens wie Nachbar Finnland eine sehr gute Position im Pisa-Ranking erreicht hat, ist selbst nicht von der Wirtschaftskrise geschüttelt, bekommt aber ihre Folgen durch die Vernetzung mit seinen Handelspartnern zu spüren. Das führte dazu, dass die Wirtschaft, so der Botschafter, in der letzten Zeit zumindest stehen geblieben sei. Schon vor zwei bis drei Jahren litt Estland unter einer der sehr stark ausgeprägten Immobilienblase. Dies hatte auch auf die in diesem Sektor Beschäftigten erhebliche Auswirkungen, denn 15 Prozent der estnischen Arbeitsplätze (Stand 2007) befanden sich im Baugewerbe. Gegenwärtig bewege sich die Arbeitslosenrate zwischen 14 und 18 Prozent.
    In der Wirtschaft spiegelt sich auch die räumliche und sprachliche Nähe zu Finnland wieder. Nahezu jede finnische Firma unterhält in Estland eine Filiale, um von dort in den baltischen Markt einzusteigen. Im Übrigen basiere die Wirtschaft auf einer Vielzahl von Kleinbetrieben. Zudem sei das Land Marktführer in der besonderen Technologie zur Herstellung von Langlaufskiern und Eishockeyschlägern, wie der Botschafter vermerkte. Bedeutend sind weiterhin die Holzwirtschaft und der Tourismus, der die Bandbreite vom Erholungsurlaub bis zum Tagestourismus und zu Kreuzfahrten mit dem Reisezahl St. Petersburg abdeckt. Die Einnahmen aus dem Tourismus sind nicht zuletzt hilfreich, um die Kosten für Importe zu kompensieren, von denen Estland stark abhängt.
    Ein weiteres Thema des Gesprächs war der Nachbarschaft zu Russland gewidmet, die mit der nahen Region St. Petersburg wirtschaftlich wichtig ist. Insgesamt bezeichnete der Botschafter das Verhältnis zum großen Nachbarn ausdrücklich als gut. Das Thema Zweiter Weltkrieg sei aber nach wie vor von unterschiedlichen Betrachtungsweisen geprägt.
Rainer Schubert

 

6. Mai 2010 Fesprächsrunde "Focus on europe"

„Wir sind gute Europäer“: Gast in der irischen Botschaft

Botschafter Daniel Mulhall Fotot: kej.film

   Mit mehreren Thesen über Irland eröffnete Botschafter Daniel Mulhall, seit 11. November 2009 in Berlin im Amt, das jüngste Treffen der Gesprächsreihe „Focus on Europe“. Zusammen mit Presseattaché Adrian Farrell begrüßte er am 6. Mai dreißig Kolleginnen und Kollegen in den erst vor wenigen Monaten bezogenen Botschaftsräumen im ehemaligen Mendelssohn-Palais an der Jägerstraße.
  
Der EU-Beitritt war ein großer Erfolg. Denn in dessen Folge haben sich etliche internationale Unternehmen auf der Insel angesiedelt (u. a. aus der Software-, Pharma- und Biotechbranche), so dass die  Exporte gestiegen sind und sich die Beschäftigung verdoppelt hat.
   Zwar waren die letzten beiden Jahre wirtschaftlich schwierig. Aber Irland hat mit strengen Maßnahmen den Bankensektor und seinen Staatshaushalt diszipliniert, wodurch sich bereits jetzt Anzeichen der Besserung zeigen. Für 2011 kann ein Wirtschaftswachstum von drei Prozent erwartet werden.
   Zum anderen hat Irland politisches Gewicht gewonnen, denn man sitzt nun mit den Europäern und vor allem den Briten, die das Land von 1170 bis 1921 beherrscht haben, auf Augenhöhe an einem Tisch. Insbesondere konnte der kritische Nordirlandkonflikt beruhigt werden. Er hatte in den sechziger bis neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts 3.000 Tote gefordert.
   Irland bietet, so Botschafter Mulhall weiter, langfristige Vorteile, weil das Land viele gut ausgebildete junge Leute hat. Etwa neunzig Prozent aller 20- bis 24-jährigen verfügen über einen Hochschulabschluss. Das ist der Spitzenplatz in der EU. Zusammenfassend könne man sagen, dass die letzten zwanzig Jahre die besten in Irlands Geschichte waren. Man habe aber durch die Wirtschaftskrise seine Lektion gelernt.
   Die gegenwärtige Wirtschaftslage Irlands nahm angesichts der Hilfen für das vom Staatsbankrott bedrohte Griechenland einen großen Raum des folgenden Gesprächs ein. Wie schon im Eingangsstatement erwähnt, hat Irland seine Hausaufgaben gemacht. Im Haushalt sind Einsparungen von 4 Mrd. Euro resp.2, 5 Prozent des BIP vorgesehen. Die Sozialleistungen sind um vier Prozent zurückgefahren worden, der öffentliche Dienst muss Besoldungskürzungen von fünf bis 15 Prozent hinnehmen. Irland steht mit einer Verschuldung von 64 Prozent des Staatshaushalts 2009 besser da als Griechenland mit 113 Prozent.
   Nicht nur mit den Anstrengungen zur wirtschaftlichen Gesundung, auch mit dem positiven (zweiten) Referendum zum Lissabon-Vertrag haben die Iren bewiesen, dass sie gute Europäer sind, sagte der Botschafter, der vor seiner Versetzung nach Berlin Leiter der Europa-Abteilung des Außenministeriums in Dublin war. Irland ist gemäßigt, konstatierte er, denn es gebe weder kommunistische noch rechtsradikale Parteien im Land.
   Als gemäßigt gilt nicht nur das politische Klima auf der grünen Insel. Sie ist bei deutschen Touristen sehr beliebt. 400.000 reisen jährlich dorthin. Auch das macht einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor aus.
Rainer Schubert

15. April 2010Gesprächsrunde "Focus on europe"

Kroatiens Botschafter Dr. Miro Kovač : „Die letzten 20 Jahre haben sich gelohnt“

Dr. Miro Kovač inmitten der Studierenden Foto:kej.film

  Im April-Gespräch der Reihe „Focus on europe“ gab Kroatiens Botschafter Dr. Miro Kovač einen Überblick über die Entwicklung der letzten zwanzig Jahre in seinem Land. „Kroatien ist eine Erfolgsgeschichte“, resümierte er. Die Zeit habe sich gelohnt. Auf dem Weg zur Demokratie und zur Rückkehr nach Europa, der ein Wunsch aller Kroaten gewesen sei, sei man ganz erheblich weiter gekommen.
   Nicht zuletzt zeige sich dies in deutlichen Verbesserungen der Infrastruktur im Land. Entscheidendes Faktum auf dem Weg nach Europa sei der EU-Beitritts-Antrag, der am 21. März 2003 gestellt wurde.
   Die 2005 begonnenen Beitrittsverhandlungen werden voraussichtlich 2012, nach dem Procedere in den kroatischen und EU-Verfassungsorganen, zur Aufnahme führen. 17 von 33 Verhandlungskapiteln seien schon geschlossen, im Gespräch sind noch vor allem die Kapitel Außen- und Sicherheitspolitik, Wettbewerb, sowie Justiz und Innere Sicherheit. Konkret bedeutet dies, die Klärung der noch offenen Fragen der Seegrenze zu Slowenien, der Privatisierung der Werftindustrie und der Korruptionsbekämpfung.
   Bedeutend sind die Beziehungen zu Deutschland, das 2009 als Handelspartner an zweiter und als Investor als dritter Stelle stand. Besonders erwähnte der Botschafter die humanitäre Hilfe, die Deutschland vor allem nach dem Jugoslawien-Krieg geleistet habe. Hierbei ließ Dr. Kovač die Ereignisse Revue passieren, die zum Jugoslawien-Krieg geführt hatten, nämlich die Bestrebungen des Serbenführers Slobodan Milošević nach einer serbischen Dominanz im ehemaligen Jugoslawen.
   Zum Thema Wirtschaft machte Botschafter Kovač deutlich, dass Kroatien in der Lage sei, seinen Energieverbrauch zu 40 Prozent aus eigenen Ölquellen zu befriedigen. Wichtiges „Asset“ der Wirtschaft sei die 1.400 km lange Küstenlinie (Stichwort: Schiffbau), die zudem eine wesentlich Bedeutung für den Ausbau des Tourismus habe. Knapp elf Millionen Touristen kamen 2009 nach Kroatien. Die Küste sei allerdings auch ein sensibler Punkt für die Zeit nach dem EU-Beitritt. Zwar gebe es noch kein Problem mit nach Europa strebenden Migranten, die über das Mittelmeer kommen, jedoch nach dem Beitritt werde die Küste zur EU-Außengrenze.
   Befragt nach der Presselandschaft, pochte Botschafter Kovač auf die sehr große Pressefreiheit seines Landes. Es gebe drei bedeutende inländische Unternehmen der Printpresse sowie zwei aus dem deutschsprachigen Raum, die WAZ-Gruppe aus Essen und Styria aus Graz.
   Angesprochen wurde auch die bemerkenswerte kroatische Präsenz in zahlreichen sportlichen Disziplinen des Vier-Millionen-Volkes. Als Begründung für die starken Leistungen bei der vergleichsweise geringen Bevölkerungszahl sagte Dr. Kovač spontan: „Motivation!“
   Außer den über dreißig Kolleginnen und Kollegen nahmen an dem Gespräch am 15. April auch elf Studentinnen und Studenten der Medienakademie Dortmund teil.
Rainer Schubert

25. Februar 2010"Focus on europe" in der Botschaft von Belarus

Soziale Marktwirtschaft erwünscht

Botschafter Andrei Giro Foto: kej.film

   Mit einer Frage eröffnete Andrei Giro, Botschafter der Republik Belarus, am 25. Februar das Gespräch in der Reihe „Focus on europe“: Ist Belarus ein europäisches Land oder ein Land in Europa? Mit Blick auf Wirtschaft und Geschichte gab er gleich selbst die Antwort: Belarus ist ein europäisches Land.
   Besonders dokumentiert werde dies durch die Einbeziehung von Belarus in die „Östliche Partnerschaft“ der EU beim Prager Gipfel am 7.Mai 2009. 1.250 Kilometer lang ist die Grenze seines Landes zur EU und zugleich die sicherste: über sie gelangen nur 0,1 Prozent der illegalen Migranten in die Europäische Union, so der Minsker Chefdiplomat in Berlin.
   Mit weiteren Fakten zu Wirtschaft und Geschichte belegte Botschafter Giro die europäische Verwurzelung seines Landes. 70 Prozent des ehemaligen Großfürstentums Litauen seien heute das Staatsgebiet der Republik Belarus. 30 Prozent der in Europa produzierten Großraumkipper, acht Prozent aller Traktoren und elf Prozent des Kalkdüngers stammen aus belarussischer Produktion. Die Wirtschafsdaten zeigen auch Belarus’ typische Funktion als Transitland zwischen der EU und Russland.
   In beide Regionen gehen jeweils rund 44 Prozent des Außenhandels. 40 Prozent des Öls und 30 Prozent des Gases, das Russland in die EU liefert, fliesst durch Weißrussland. Diese Transitfunktion ist auch eine Schwachstelle, und der Botschafter zeigte zumindest Verständnis für die deutsche Position, sich bei Gas- und Öllieferungen nicht einseitig abhängig zu machen. 
   Wirtschaftlich strebe Belarus das Prinzip der sozialen Marktwirtschaft an. 500 Unternehmen seien privatisiert worden. Kleine und mittlere Unternehmen  bereits ganz überwiegend in privater Hand.
   Der Botschafter ging auch auf die polnische Minderheit in seinem Land ein. Es gebe zwei Gruppen, die diese Minderheit in Belarus repräsentieren: eine offizielle und ein nicht zugelassene. Die gegenwärtigen Probleme der polnischen Minderheit bestehen in einer internen Rivalität zwischen diese Gruppen.
   Zum Thema Meinungs- und Pressefreiheit erfuhren die rund vierzig teilnehmenden Journalistinnen und Journalisten des Gesprächs, dass von etwa 1.000 Medien im Land vierzig staatlich seien. Belarussischen Staatsbürgern ist nicht gestattet für ausländische Medien zu arbeiten. „So genannte oppositionelle Bewegungen“ (Botschafter Giro) finden im Ausland bedeutend mehr Unterstützung als in Belarus selbst. Wenn es zu Maßnahmen gegen sie komme, so liege es daran, dass sie sich nicht an geltende Gesetze halten.
   Wünschenswert sei die Einräumung von Handelspräferenzen durch die EU, dies sei vorteilhaft für die Bevölkerung. Der Botschafter äußerte Optimismus, dass Bewegung in die Sache kommen werde. Anzustreben sei zudem Visafreiheit nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit. Verbesserungen wünschte sich Botschafter Giro im Handeln der OSZE, die zu sehr von West nach Ost blicke, und vor allem der NATO. Sie habe sich seit dem Ende der politischen Blöcke und damit des kalten Krieges gar nicht bewegt.
Rainer Schubert

 

28. Januar 2010"Focus on europe" in der britischen Botschaft

Wann werden die Deutschen Cricket lernen?“

Sir Michael Arthur Botschafter (Mittr) mit Prof. Kolbe und Maksut Klemann vom DJV Berlin. Foto: kej.film

   Nicht morgen und auch nicht übermorgen werde der Euro kommen. Er sei in Großbritannien gegenwärtig kein Thema. Die gemeinsame europäische Währung ist das einzige Thema, bei dem sich die verbreitete Vorstellung von der Sonderrolle des Vereinigten Königreichs in der EU noch aufrechterhalten lässt.
  
Dies ist das Fazit der Januar-Gesprächsrunde „Focus on Europe“ des Fachausschusses Europa im DJV Berlin. Dieses Mal, am 28.Januar, stand Großbritanniens Botschafter Sir Michael Arthur etwa vierzig Journalistinnen und Journalisten Rede und Antwort. Das britische Engagement für die EU wird durch die Wahl der früheren EU-Handelskommissarin Catherine Ashton als neue EU-„Außenministerin“ (offizieller Titel: „Hoher Vertreter der Union für Außen- und Sicherheitspolitik“) deutlich. Eine wesentliche Aufgabe der Nach-Lissabon-EU wird in der Installierung des Europäischen Auswärtigen Dienstes bestehen, insbesondere hinsichtlich der Auswahlmodalitäten seines Personals.
   Großbritannien tritt sehr für die EU-Erweiterung ein, sei es Island, sei es Kroatien oder andere Staaten des westlichen Balkan, sei es die Türkei, vorausgesetzt, sie erfüllt die EU-Kriterien.
   Besonders mit Deutschland, seinem wichtigsten Handelspartner in Europa, sind Übereinstimmung und Kooperation Großbritanniens sehr groß. Zu den Konsensthemen gehören Wirtschafts- und Finanzpolitik, die G-20-Themen und die Terrorismusbekämpfung. Doch Botschafter Sir Michael Arthur wies auf eine Differenz hin. Bezüglich der Ablehnung des Irak-Engagements seien die Meinungen in der Öffentlichkeit Großbritanniens und Deutschlands zwar gleich, nicht aber beim Afghanistan-Einsatz, der vom britischen Publikum unterstützt wird. Dies liege daran, dass Großbritannien, im Unterschied zu Deutschland, von radikal-islamistischen Bombenanschlägen bereits getroffen worden sei.
   Das Deutschlandbild in Großbritannien, so ergab die Diskussion, werde (bedauerlicherweise) stark von der Presse geprägt. Doch habe die Fußball-WM 2006 sehr stark zu einer positiven Veränderung beigetragen. Der Austausch junger Menschen zwischen beiden Ländern sei sehr rege, allerdings mit einem deutlichen Übergewicht in Richtung Großbritannien. Mehr Auslandsorientierung junger Briten sei wünschenswert. Eine dem deutsch-französischen Jugendwerk vergleichbare Einrichtung gebe es nicht, doch sei es auch nicht britische Art, solches zu formalisieren.
   Insgesamt ergab sich, dass die Briten mit vielen Fragen der Gegenwart auf die ihnen eigene gelassene und pragmatische Art umgehen. Insbesondere vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Finanzkrise und der Wirtschaftskrise zu Beginn der Thatcher-Ära offenbarte das Gespräch, das man in Großbritannien in Geld- und Kapitalangelegenheiten weniger prinzipiell verfährt als in Deutschland.
   Unvermeidlich kam um Schluss des Gesprächs eines der britischsten Themen auf: Sport. Warum trifft die deutsche Nationalmannschaft bei jeder Fußball-WM auf die englische Auswahl, niemals aber beim Handball? Sir Michael Arthur fragte britisch höflich zurück: „Wann werden die Deutschen Cricket lernen?“

 

29. Oktober 2009Focus on europe“ in der isländischen Botschaft

Die NATO-Wikinger ohne eigene Armee

Botschafter Òlafur Davidson kaj.film

   Die Isländer sind wohl das einzige NATO Mitgliedsland ohne eigene Armee, erzählte Botschafter Òlafur Davidson den ca. 30 interessierten und zugleich erstaunten Journalisten-Kollegen, die zu einer weiteren Veranstaltung im Rahmen der „Focus on europe“ Reihe des DJV Berlin gekommen waren.
   Dies  hatte sich nach dem zweiten Weltkrieg aus der strategischen Wichtigkeit dieses kleinen Landes für die Amerikaner ergeben. Doch seitdem die USA ihre Militärposten auf Island im Jahr 2006 aufgaben, hat Island an militärischer Bedeutung verloren.Dafür fand es unrühmlich andere Beachtung im letzten Jahr, als das kleine Land als erstes in die Finanz- bzw. Währungskrise fiel.
   Die isländischen Banken hatten sich noch mehr übernommen, als dies in anderen Ländern der Fall gewesen war. Die Spekulationsblase hatte den zehnfachen Wert der isländischen Volkswirtschaft überschritten, die drei leitenden Banken konnten die Forderungen der Gläubiger in internationaler Währung nicht mehr zahlen und nur 20% war in eigener Landeswährung gedeckt. Das führte schlagartig zu einem Minus von 10% des Bruttosozialproduktes, die Arbeitslosigkeit stieg über Nacht von fast 0 auf 10% und die Verschuldung der Bürger, die hier wie auch woanders die Rechnung bezahlen mussten, beträgt jetzt die stolze Summe des doppelten  Bruttosozialproduktes. Wäre der Weltwährungsfond nicht mit Bürgschaften eingesprungen, wäre alles im Land zusammengebrochen.
   Da klingt es fast schon lustig, dass gerade vor ein paar Tagen die letzte Mac Donalds Filiale auf Island dicht gemacht hat. Bravo, kann man den Isländern eigentlich nur zurufen. Mehr gesunde Ernährung für die Kinder kann gar nicht schaden, eine positive Auswirkung der Krise auf die Volksgesundheit. Schließlich lebt das Land eigentlich vom Fisch und vom Export des Fischfangs.
   Die eigenen Fischerei-Institute lege jährlich die umweltverträglichen Fischfangquoten fest und die Mengen werden dann unter allen Fischern- und Fischereibetrieben ganz gerecht aufgeteilt. Das war bisher auch einer der Hauptgründe, dass Islands Bürger nicht dafür waren, Mitglieder der EU zu werden, denn dann müssten sie sich den EU-Regeln unterwerfen und für ihre eigenen Fischfangquoten, die so gerecht verteilt sind, bliebe kein Platz mehr, weil dann die großen internationalen Fischereikonzerne sich auch von Brüssel Quoten zuteilen lassen würden und dann wird es für die heimischen Fischer eng. Doch unter dem Druck der Krise ist nun doch der Wunsch nach einem Schutzschirm in Form der EU größer geworden.
   Der Antrag ist gestellt, die Bedingungen sind auch fast schon alle erfüllt. Trotzdem glaubt der Botschafter, wird es noch ca. zwei Jahre dauern und dann am Ende steht auch noch ein Referendum, also die Bevölkerung muss dann letztendlich darüber abstimmen, ob man sich in die EU hinein begeben will. Der Botschafter meinte, dass darüber dann noch einmal hart diskutiert werden würde in Island, denn schließlich habe man es hier mit Wikingern zu tun.
Jutta Rabe

 

24. September 2009Gesprächsthemen: Verschuldung, Minderheitenproblem, Wirtschaft

Gesprächsthemen: Verschuldung, Minderheitenproblem, Wirtschaft

Ein Thema der Diskussion: Das Streben nach Wohlstand brachte Ungarn in die Schuldenfalle, Foto: DJV Berlin

   Auf Einladung des ungarischen Botschafters Dr. Sandor Peisch trafen sich 33 Mitglieder des Fachhausschusses Europa des DJV Berlin zu einem interessanten Gespräch, das in einer sehr offenen und freundschaftlichen Atmosphäre in den Räumen der Botschaft geführt wurde. Hauptthemen: Die Verschuldung Ungarns, die Minderheitenprobleme in Ungarn und in den angrenzenden Staaten, die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Ungarn und Deutschland.
   Angesichts der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise, die auch Ungarn stark getroffen hat, erinnerte der Botschafter an die traditionell freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Ungarn. Er erinnerte daran, dass Ungarn jetzt seit fünf Jahren der EU angehört, seit zehn Jahren Mitglied der NATO ist und vor 20 Jahren den ersten Schnitt in den eisernen Vorhang machte, was auch zum Fall der Mauer am 09.11.1989 in Berlin beitrug. Deutschland war immer ein enger Partner bei der Integration Ungarns in die euro-atlantischen Strukturen. 
   Deshalb brachte Herr Dr. Peisch auch die Hoffnung zum Ausdruck, dass Deutschland und Europa weiterhin Vertrauen in Ungarn setzen und bei der Bewältigung der Krise behilflich sein werden. Immerhin hat Ungarn alle Instrumente angewendet, die der neoliberale Werkzeugkasten vorsieht: totale Privatisierung und Deregulierung, Öffnung für westliche Märkte, „Reformen“ in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Renten.
   Inzwischen gibt es eine sehr enge Verflechtung mit der deutschen Wirtschaft. Ungarn macht 35 Mrd. Euro Umsatz im Außenhandel mit der BRD, was ein Drittel des ungarischen BIP entspricht. Ein Drittel aller Auslandsinvestitionen stammen aus Deutschland, gefolgt von Österreich und den Niederlanden. Insgesamt sind 3000 deutsche Unternehmen in Ungarn aktiv. Aufgrund dieser engen Verflechtung und den Vorgaben der internationalen Finanzmärkte sind die Handlungsmöglichkeiten einer ungarischen Regierung, egal wer sie anführt, sehr gering. Das Haushaltsdefizit liegt in 2009 bei 3,9% des BIP, womit die Kriterien für den Beitritt zum Euro-Raum verfehlt werden.
   Auch die Verschuldung der ungarischen Bevölkerung ist sehr hoch, da man den amerikanischen Weg über eine geringe Sparneigung und hohe Kreditaufnahme ging, um Anschluss an den EU-Wohlstand zu finden. Da die Privatisierungspolitik viele Verlierer verursacht hat, steigt eine rechtsradikale Stimmung, die sich gegen die Minderheit der Roma als greifbarer Sündenbock richtet. Botschafter Peisch betonte aber, dass von diesen Kräften keine Destabilisierung des Systems zu erwarten ist. In Nachbarländern wie der Slowakei werden ebenfalls von radikalen Kräften Stimmung gegen die dort lebende ungarische Minderheit gemacht, um von innenpolitischen Problemen abzulenken.
   Da Ungarn von sieben Staaten umgeben ist, in denen überall eine ungarische Minderheit lebt, ist man an gutnachbarlichen Beziehungen interessiert und stellt keine Gebietsansprüche. Die Mitgliedschaft in der EU ist somit auch ein Hemmnis, um sich nationalistischen Gelüsten hinzugeben. Auch ein gutes Verhältnis zu Russland ist für Ungarn sehr wichtig, da 80% des importierten Gases aus Russland kommen.
   Zur Problematik der Flüchtlingswelle aus Afrika bemerkte Herr Dr. Peisch, dass die Politik der EU darauf abzielen muss, die Probleme vor Ort zu lösen. Insbesondere die Mittelmeeranrainer haben hier eine besondere Verpflichtung.
   Hinsichtlich des Nahost-Konfliktes spricht Ungarn sich für eine Zwei-Staaten-Lösung aus, die sowohl das Existenzrecht Israels als auch das der Palästinenser garantiert. Die Äußerungen des iranischen Präsidenten werden als nicht akzeptabel betrachtet.
Carsten Söder

 

9. Juni 2009"Focus on europe" im der Botschaft von Venezuela

DJV Berlin – Diplomatentreff: „Die Brücke steht noch!“

Botschafterin Blancanieve Portocarrero Foto: G. Fromm

   Ungewöhnlich begann am 9. Juni (Dienstag) der Diplomatentreff mit der Botschafterin Venezuelas, Senora Blancanieve Portocarrero, im Rahmen der Veranstaltungsreihe focus on europe des Fachausschuss Europa im DJVBerlin. Die Antwort auf die wichtigste und persönlichste Frage gab es gleich vorne weg.
    Unseres Bau-Fachjournalisten, Prof. Peter Kolbe, war vor 50 Jahren maßgeblich beteiligt am Bau der gewaltigen Brücke am Maracaibo See, dem größten Binnensee Venezuelas. Nun brannte dem Kollegen diese Frage unter den Nägeln: „steht die Brücke noch?“ Und: „Ja“, so die Botschafterin, „was Deutsche bauen, hält meist sehr lange“.
   Es war ein sehr gelungenes Gespräch mit einer überaus herzlichen und humorvollen Botschafterin, die rund 40 Journalisten-Kollegen in einer ansprechenden und selbstbewußten Art und Weise mit auf die Reise in dieses Land nahm, das ganz im Sozialismus des 21. Jahrhunderts angekommen zu sein scheint.   
Es ist das Land der Zahl 7, denn 70% der Bevölkerung sind unter 35 Jahre, das Land hält rund 70% der gesamten Ölreserven Lateinamerikas und hat die 7. größten Gas-Reserven der Welt und es exportiert 70% seiner Ölförderung in die USA.   
Das hat inzwischen zu bescheidenem Reichtum geführt, z.B. zu Währungsreserven in Höhe von 43 Mrd. $ allein im letzten Jahr. Und im Gegensatz zu anderen Ländern, wo solche Gewinne aus der Ausbeutung von Bodenschätzen in Privattaschen fließen, wurde in Venezuela damit die extreme Armut von 42% auf derzeit 9,5% herab gesenkt, ebenso die Arbeitslosigkeit, die noch 2002 bei 18% lag, auf heute rund 6% und auch Staatsrenten werden jetzt an jeden im Pensionsalter gezahlt und zwar in gleicher Höhe wie die Mindestlöhne und dies auch an Hausfrauen. Eine wohl weltweit einmalige Leistung, wie die Botschafterin betonte.  
„Una Sur“, der vereinigte Süden, könnte man die politische Parole übersetzen, mit der Venezuela und die übrigen Lateinamerikanischen und Karibischen Länder derzeit den Schulterschluß üben und eine Union aufbauen, die, ähnlich der EU, die wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit der Mitgliedsländer garantiert. Zukunftsweisend und federführend hat Venezuelas Präsident Hugo Chavez erkannt, das langfristig die Länder Lateinamerikas nur zu wirtschaftlichem Erfolg kommen können, wenn sie untereinander nicht mehr in US $ handeln, sondern sich monetär unabhängig machen und quasi eine Komplementärwährung aufbauen. Und das ist jetzt geschehen.
   Die Banco del Sur hat den ‚Sucre‘ als Währung dazu auserkoren und damit wurde de facto die Abkopplung vom Dollar eingeläutet. Wenn nun auch noch Argentinien und Brasilien dieser Währungsunion beitreten, was in Kürze zu erwarten ist, dann wird Lateinamerika eine sehr ernst zu nehmende eigene Wirtschaftsunion und zukünftig eine sehr große wirtschaftliche Rolle in der Welt spielen.
   Frau Portocarrero erklärte, das Venzuelas Regierung erkannt hat, was viele andere Länder bisher nicht erkannt haben. Die Finanzkrise ist zwar global und man kann ihr auch nur global begegnen, aber man kann dies nur durch viele regionale Maßnahmen erreichen, die dann in ihrer Summe global wirken.
   Auf die Frage zum Verhältnis zwischen Hugo Chavez und Barak Obama sagte Frau Portocarrero, das sich beide als Menschen gut verstehen. Und das sei immer eine Grundvoraussetzung dafür, das sich auch Nationen politisch und wirtschaftlich vertragen und respektieren und schließlich exportiere Venezuela 70% seines Öls in die USA.
   Anmerkung: die staatliche venezulanische Ölgesellschaft besitzt inzwischen die US Tankstellenkette CITCO.
Jutta Rabe

 

27. August 2009"Focus on europe" in der syrischen Botschaft

„Frieden darf kein Tabu bleiben!“

Botschafter Dr. Hussein Omran Foto: kei.film

   „Frieden darf kein Tabu bleiben!“ -  Israel müsse lernen, den Frieden zu erproben, mit dem es zu wenig Erfahrung habe, sagte Syriens Botschafter Dr. Hussein Omran im Gespräch vor gut vierzig Journalistinnen und Journalisten des Fachausschusses Europa im Landesverband Berlin des DJV. Der Fachausschuss schaute dieses Mal in seiner Gesprächsreihe “Focus on europe“ über den Tellerrand des Kontinents hinaus in den Nahen Osten auf einen Brennpunkt der Politik. Eine gesunde Situation in der Region bedeute eine gesunde Lage in Europa und der Welt, charakterisierte Dr. Omran treffend die weltweite Bedeutung des Krisenherdes. 
   Er verwies auf die Jahrtausende alte Geschichte Syriens, in der verschiedene Religionen und mannigfaltige Ethnien unter verschiedener Herrschaft immer  friedlich zusammengelebt haben. Ausgehend von der europäischen Geschichte der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts sei seit sechzig Jahren die Region einer Problemzone geworden.
   Für einen Frieden bestehe Syrien auf den Grenzen von 1967. Durch die israelische Besetzung der Golanhöhen gebe es in Syrien ein massives Flüchtlingsproblem. Allein durch die Besetzung der Höhen habe Syrien einen Flüchtlingsstrom von über 200 000 Menschen verkraften müssen, der  durch den amerikanischen Einmarsch in den Irak noch stärker anwuchs. Damit, fuhr der Botschafter fort, seien die Probleme des Landes zu einem der zentralen Problemfelder der Nation geworden, denn man behandle die Flüchtlinge - egal vorher sie kommen - wie Landleute. Dem damaligen Bundeskanzler Schröder könne man gar nicht hoch genug anrechnen, Deutschland am Irak-Krieg nicht beteiligt zu haben, lobte der in Leipzig promovierte Germanist.
   Unerlässlich sei die Änderung der israelischen Siedlungspolitik, die einem Ausgleich im Wege stehe. Dr. Omran bedauerte, dass der frühere israelische Premier Rabin von eigenen Landsleuten ermordet worden, mit dem Ziel, die seinerzeit laufenden Bemühungen einen friedlichen Ausgleich in der Region zu schaffen, zu torpedieren. Für die israelische Friedensbewegung sei das ein schwerer Schlag gewesen; sie ist heute noch zu schwach den Friedensprozess maßgeblich zu beeinflussen.
   Die Politik des US-Präsidenten Obama stimme ihn vorsichtig optimistisch. Der Botschafter erinnerte in diesem Zusammenhang an ein arabisches Sprichwort, demzufolge man einem Freund im Recht wie im Unrecht zur Seite stehen solle; im Unrecht deswegen, um ihn davon abzubringen.
   Zum benachbarten Libanon merkte Syriens Botschafter an, dass es eine historische Nähe zwischen beiden Ländern gebe. Der Einmarsch von 1976 habe dazu beigetragen, dass der Libanon intakt bleiben konnte. Das Land habe, besonders 1982, durch die israelische Politik sehr viel Leid ertragen müssen.
   Angesprochen auf die Gefahr einer Nuklearbewaffnung Irans erinnerte Dr. Omran daran, dass Iran, im Gegensatz zu Israel, dem Vertrag zur Nichtverbreitung von Atomwaffen beigetreten sei. Gewaltsames Vorgehen gegen Iran dürfe es unter keinen Umständen geben.
   Zur Wirtschaftskrise bemerkte der Boschafter in der Diskussion, dass auch sie nicht ganz spurlos an seinem Land vorübergegangen sei. Mildernd habe sich jedoch die fehlende wirtschaftliche Verflechtung (gemeint war der existierende USA Boykott, Anm. des Autors.)  mit den USA ausgewirkt: Durch zahlreiche Reformen, wie Privatisierung und Marktliberalisierung, verzeichne Syrien gute Wachstumsraten, etwa acht Prozent durchschnittlich in den letzten Jahren. Der Durchschnittsverdienst im Lande habe sich verdoppelt. Syrien habe seine wirtschaftliche Bedeutung als Partnerland des diesjährigen Deutsch-Arabischen Wirtschaftsforums in Berlin Ende Juni durch die Anwesenheit von weit über hundert Unternehmern unter Beweis stellen können. Auch der Tourismus profitiere von der Öffnungspolitik. In diesem Jahr rechnet die Botschaft mit der Erteilung von 80.000 Visa. Vor fünf Jahren war es nur ein Zehntel davon.
   Noch einmal Nahostkonflikt: Fast war er – als ironische Komponente – in der Botschaft spürbar. Die Zufahrtswege zu ihr waren beschränkt. Im zweihundert Meter entfernten Hotel Intercontinental logierte Israels Premierminister Benjamin Netanjahu.
Rainer Schubert